«Wenn es zu Geschlechtsverkehr kommt, empfinde ich nichts. Wenn es nach mir ginge, ich könnte bestens darauf verzichten», schreibt Ulrike Werner, 42*. «Ich lebe eine wirklich tabulose Sexualität. Aber wenn ich ehrlich bin, auf den Geschlechtsakt könnte ich verzichten», erzählt Sandra Bucher, 26*. «Ich bin erregt wenn er mich streichelt, aber sobald er eindringt, ist alles weg, und ich empfinde nichts. Ich tu’s nur für meinen Partner», schreibt Amanda Bösiger, 41. (*alle Namen geändert)

Angst vor Verletzung

Das sind drei Beispiele von ganz ganz vielen. Und das auszusprechen ist ein grosses Tabu. Meine Beobachtung ist, und zwar nicht nur in der Praxis, dass ein Grossteil der Frauen ihre Vaginas regelrecht gepanzert haben. So sehr, dass an diesem intimen Frauenort kaum lustvolle, freudige, tiefe Empfindungen vorhanden sind. Nun, warum panzert man sich? Um sich zu schützen. Und warum schützt man sich? Aus Angst vor möglichen, bzw. vor weiteren Verletzungen.

Heutzutage versucht man uns weis zu machen, dass mit unserer Anatomie etwas nicht stimmt: Die Vagina ein empfindungsloser Schlauch, die Klitoris als Lustquelle leider am falschen Ort platziert. Ich behaupte, unsere Anatomie stimmt sehr wohl, aber unser Umgang mit Körper und Sexualität stimmt möglicherweise nicht. Feminismus hin oder her: Die Frau ist der aufnehmende, empfangende Teil, der Mann der Gebende.

Aber dieses wirklich ganz tiefe, von Herzen kommende den Mann aufnehmen und empfangen wollen, haben wir Frauen verlernt, bzw. noch kaum verinnerlicht. Als Frauen tragen wir sozusagen in den Zellen, was Frauen früherer Generationen erlebt haben: Verstümmelung, Vergewaltigung, Folter, Erniedrigung usw.

Verantwortung für die Vagina

Es ginge nun einerseits darum, genau hinzuschauen, wer ist mein Gegenüber? Ist es dieses Ungeheuer, das irgendwo im Frauen-Unbewussten hockt, oder ist es ein Mann, der eigentlich genauso nach tiefer Verbindung sucht? Andererseits ginge es auch darum, endlich selber Verantwortung zu übernehmen. Auch für die Vagina. Solange auch heute noch ein Grossteil der Frauen dem Mann zuliebe Geschlechtsverkehr zulässt, duldet, hinhält, wird sich nichts Grundlegend verändern. Mit jedem dieser Akte wird die Verhärtung stärker, und der unbewusste Groll auf «die Schwanz orientierten Männer» tiefer. Wir beschneiden uns damit selber um erfüllte, nährende Sexualität, und um die tiefe Vereinigung, nach der wir uns im Grunde des Herzens sehnen.