«Das Thema weiblicher Orgasmus beschäftigt mich. Ich bin unsicher, weil ich selber ganz unterschiedliche Arten von Orgasmen wahrnehme. Und wenn ich mit Freundinnen darüber rede, verwirrt es mich, weil jede von anderen Empfindungen berichtet. Was bezeichnet man denn als richtigen Orgasmus?», fragt die 36-jährige Nina, (Name geändert)

Orgasmus aus dem Labor

In den 50er Jahren hat das Sexualforscherehepaar William H. Masters und Virginia E. Johnson, Menschen bei verschiedenen sexuellen Aktivitäten im Labor beobachtet, und ihre Reaktionen gemessen und aufgezeichnet. Sie fanden heraus, dass sich bei Frauen auf dem Gipfel der sexuellen Erregung der äussere Teil der Vagina, die so genannte orgastische Manschette, rhythmisch zusammenzieht. Sie haben durchschnittlich zwölf Kontraktionen in Intervallen von 0,8 Sekunden festgestellt. Diese Körperreaktion wird als weiblicher Orgasmus bezeichnet.

Kein Warten auf den Orgasmus -Prinzen

Ich bezweifle jedoch, dass sich in einer Laborsituation die volle sexuelle Fülle entfalten kann, und sich Orgasmen nur in der genannten Form äussern. Natürlich kennen viele Frauen diesen wissenschaftlich beschriebenen und vermessenen Orgasmus, vor allem herbeigeführt durch Stimulation der Klitorisspitze. In der Beratung werden mir jedoch auch ganz andere Empfindungen geschildert. Oft verknüpft mit der bangen Frage, ob das denn richtige Orgasmen sind, weil sie eben nicht am vorgesehenen Ort pulsieren, weil sie viel länger, oder auch weniger lang dauern, viel tiefer gehen, kaum spürbar, verbunden mit grosser Feuchtigkeitsausschüttung, oder je nach Situation sowieso ganz unterschiedlich sind.

Um den Orgasmus-Stress zu reduzieren und das Geniessen zu erhöhen, plädiere ich dafür, sexuelle Reaktionen die als entspannend, sättigend, befriedigend und erfüllend erlebt werden, als Orgasmen zu bezeichnen, auch wenn sie ganz anders daherkommen, als oben beschrieben. Sexualität ist viel mehr als eine blosse Körperreaktion, und kann aus diesem Grund auch nicht bis ins Detail ausgemessen werden.

Frauen die keine Orgasmen erleben, ermutige ich regelmässig, geduldig, zärtlich und genussvoll zu experimentieren, und ihren ganzen Körper und seine erotisch/sexuellen Empfindungen und Reaktionen zu erkunden. Auch im Bewusstsein dafür, dass sie für ihren Orgasmus in erster Linie selber verantwortlich sind, und es selten etwas bringt, auf den Orgasmus-Prinzen zu warten.