«Ich bin eine muntere, unternehmungslustige, allein stehende 70-jährige Brust amputierte Frau, mit plötzlicher «Lust auf Mann». Möchte auf Inserate antworten, aber ich kann doch nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen, dass mir eine Brust fehlt. Ich kann das doch höchstens bei einem ersten Treffen «beichten». Sage ich es zum voraus, oder lasse ich es auf die «Stunde der Wahrheit» ankommen? Zieht sich ein Mann sofort zurück, wenn es das erfährt? Ich habe natürlich Hemmungen mit diesem Handicap, aber sehne mich doch nach wenigstens manchmal ein paar Kuscheleinheiten. Soll ich selber ein Inserat machen, und gleich darin sagen, dass mein Körper nicht mehr ganz vollständig ist?», schreibt Barbara Richard (Name geändert)

Falls man dem Glauben schenkt, was allgemein als Lifestyle propagiert wird, gibt es nur den jungen, unversehrten Körper, der erst noch modisch geformt werden muss, damit er als schön und begehrenswert durchgeht. Aber die Realität sieht glücklicherweise noch etwas anders aus. Auch das Leben formt einen Körper. Lebensstil, Erfahrungen, das Älter werden, Krankheiten usw. hinterlassen nebst den inneren, auch äussere Spuren. Und das darf so sein.

Liebevolle Blicke sehen Schönheit

Ich kann Ihre Hemmungen verstehen, und auch, dass Sie ihre fehlende Brust als Handicap bezeichnen. Ich habe aber auch gelesen, dass Sie sich als munter und unternehmungslustig beschreiben. So ist die fehlende Brust nur ein kleiner Teil von Ihnen, macht nur ein kleiner Teil der Barbara Richard aus. Ein Blick in den Spiegel sagt: Oh ja, das bin ich auch, ich mit einer Brust. Ein anderer Blick sagt: Oh ja, das bin ich auch, ich die Muntere, Unternehmungslustige. Das zusammen macht die Barbara Richard von heute erst aus. Ihre überwundene Krebserkrankung hat ja nicht nur eine äussere Narbe hinterlassen, sondern auch innerlich einiges in Bewegung gebracht. Und das gehört zusammen.

Ich möchte Sie dazu ermuntern, sich selber mit Liebe anzuschauen. Denn was mit Liebe betrachtet wird, ist schön. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie Männer reagieren, und ob Sie schon bei einem ersten Treffen, oder erst in der «Stunde der Wahrheit» über ihren Körper reden sollten. Ich denke, Sie werden das spüren. Und wenn Sie gelernt haben, sich selber mit liebevollen Augen zu sehen, werden Sie die fehlende Brust auch nicht als Handicap darstellen, sondern als etwas, was heute zu Ihnen und Ihrem Leben gehört. Als etwas was Sie vielleicht gelassener gemacht hat, als etwas das Ihre Lebensfreude noch sprühender hat werden lassen. Aber auch der Satz: «Ich habe Hemmungen», hat auf jeden Fall Platz