«Ich bin 46, und leide darunter, dass ich zu wenig Zärtlichkeit bekomme. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es den Männern fast immer nur um das Eine geht, und dass Männer schnell ein bisschen an den «strategischen Körperstellen» fummeln, um dann zur Sache zu kommen. Was kann ich als Frau machen, wenn die Männer so anders ticken?» fragt Andrea Müller (Name geändert)

Glaubensätze verhindern neue Erfahrungen

Was gibt Ihnen die Gewissheit, dass Männer derart anders ticken? Aus Zuschriften, und auch in meiner Praxis, erlebe ich es so, dass sich etwa gleich viele Frauen über die unzärtlichen Männer beklagen, wie Männer über Frauen, die ihre Zärtlichkeit gar nicht wirklich annehmen können. Und beide leiden darunter. So wäre also statistisch gesehen das Bedürfnis Zärtlichkeit zu leben bei Männern und Frauen etwa gleich hoch.

Generationen von Frauen und Männer sind mit dem Glaubenssatz aufgewachsen: «Männer wollen nur das Eine». Solche Sätze sind prägend. Für Männer, indem sie ihre zärtlichen Energien oft nicht wirklich entwickelt haben, weil ihnen nur das Eine zugestanden wird. Für Frauen, indem sie eine Art Schicksalsergebenheit ent- wickelten, und das halt so hinnahmen. Gleichzeitig prägte sich das Bild ein, nur ein Mann der so richtig zügig zur Sache geht, ist ein richtiger Mann. Dann kam die Zeit, wo auch Frauen ihre genitale Befriedigung forderten und Männer lernten, dass sie eine Frau vor dem Eindringen stimulieren müssen. Nach dem Motto: «Stimulation, Lubrikation, Penetration.» Bei vielen Paaren blieb in der Folge Berührung bzw. Zärtlichkeit solcherart reduziert. Solche Ziel gerichteten Berührungen mögen im besten Fall wohl erregen, gehen jedoch am Wesen der Zärtlichkeit vorbei.

Männer sind auch zärtliche Wesen

Meines Erachtens ginge es darum, dass Männer und Frauen absichtsloses, zärtliches Verweilen lernen. Dass auch Männer sagen: «Es ist wunderschön, in deinem Arm zu liegen und nichts tun und sein zu müssen» Dass Frauen sagen: «Ich wünsche mir, dass du meinen ganzen Körper streichelst.» Dass Männer nachfragen, wenn sie unsicher sind. Dass Frauen den Männern immer wieder liebevoll zeigen, wie sie berührt werden möchten. Dass Männer sagen können: «Ich habe wohl ein Erektion, aber ich geniesse es, dich einfach anschauen und kosen zu dürfen.» Aber das geht natürlich nur, wenn Frauen das auch glauben, und zulassen. Männer sind genauso auch zärtliche Wesen, wie Frauen auch ekstatische, lustvolle Wesen sind. Und wenn beide auch all diese Aspekte im anderen anerkennen und wertschätzen, und gut miteinander im Gespräch sind, sollte einer auch sehr zärtlichen Sexualität nichts im Wege stehen.