«Mein Leben ist reich an Inhalten, und meine Ehe glücklich. Im Gegensatz dazu erlebe ich Sexualität als eine Aneinanderreihung von Frustration, Zurückweisung und Peinlichkeiten. Nie hat mir das «Wollen» letztendlich Freude bereitet. Sogar der Sex mit meiner Frau war stets Anlass zu Enttäuschungen, Streit, Verstimmung, sodass ich mich letztlich damit zufrieden gebe, «es» einfach zu tun, sozusagen als soziales Bestätigungsritual der Beziehung. Ich empfinde meine Libido zunehmend als Belastung, die mich veranlasst Dinge zu tun, die niemals die damit verknüpften Wünsche zu erfüllen vermögen. Wieso beschäftigt sich die ganze Welt damit, wie man «es» besser tun kann, wie man einen Härteren, Grösseren kriegt, öfters Lust hat etc? Wieso gibt es Viagra, aber kein Medikament zur Lustdämpfung? Ist es denn kein wünschenswerter Lifestyle, sexuell gelassen durchs Leben gehen zu wollen?», schreibt Reto (Name geändert) 42.

Die Suche nach der persönlichen Sexualität

Sexuell gelassen durchs Leben zu gehen ist bestimmt wünschenswert. Aber sexuelle Gelassenheit kann doch nicht heissen, die Libido einfach (medikamentös) abzuwürgen. Ich denke eher es heisst, sich auf die Suche nach der ganz persönlichen Sexualität zu machen. Ihre Aussage: «Dinge, die niemals die damit verknüpften Wünsche zu erfüllen vermögen», trifft den Kern. Die Frage stellt sich, was erwarten wir denn von Sexualität. Was wollen wir über sie erreichen? Oder anders gefragt, wofür missbrauchen wir sie?

Haben wir beispielsweise Sex aus tiefer echter Lust, und gegenseitigem freudigen Begehren, das genährt ist von innerer Nähe, oder haben wir Sex, weil wir letztlich innere Nähe suchen, der wir im Alltag keinen Raum schaffen? Oder um einen Streit zu bereinigen? Oder um über den Partner/die Partnerin sexuelle Spannung abzubauen? Oder um etwas zu bestätigen? Oder muss sie wieder einmal, um ihn nicht zu verlieren? Oder muss er, weil er das als Mann bringen muss? Oder …

Atmen und schauen

Sexualität kann letztlich nur dann wirklich erfüllend sein, wenn sie aus freudigem herzhaften Begehren gelebt, und jegliches Ziel weg gelassen wird. Während dem Lieben tiefe Augenblicke und Atemzüge, gepaart mit Kommunikation darüber, was jetzt gerade erlebt wird, kann mithelfen immer besser im Moment anzukommen. Und wenn wir uns auf den Moment einlassen und ihn voll auskosten, auch wenn er meilenweit von unseren Bildern und Vorstellungen entfernt ist, nähern wir uns dem, was unser ureigenes ist.