“Bis anhin war der Zweck von Sex der Orgasmus. Und zwar bei mir genau so wie bei den Frauen. Wenn beide Sex wollten, dann kam man zur Sache, man weiss ja in etwa was zu tun ist. Nun bin ich mitte 50, und habe vor gut einem Jahr eine Frau kennen gelernt, mit der alles etwas anders ist. Sie sieht Sex fast als etwas heiliges, und verblüfft mich durch ihre Sichtweisen, und ihr Verhalten. Z.B. der Orgasmus ist nicht das wichtigste, auch für den Mann nicht. Sie sagt, sie möchte nicht so zielgerichtet behandelt werden. Sie wolle um ihrer selbst willen berührt werden. Sie wolle gesehen werden. Damit kann ich nicht sehr viel anfangen, und trotzdem ist da etwas dran was mich anspricht, aber ich fühle mich auch als Mann in Frage gestellt”, schreibt Paul Weber (Name geändert)

Unsicherheit gehört zu Neuem

Freuen Sie sich! Nachdem Ihre Sexualität Jahre lang ähnlich abgelaufen ist, sind Sie jetzt daran, ganz Neues zu entdecken! Da gehört es mit dazu, dass Sie ein bisschen verunsichert sind, und auch dass Sie sich in Frage gestellt fühlen. Bis anhin wussten Sie ja, wie Sie als Mann zu funktionieren haben, bzw. glaubten funktionieren zu müssen. Versuchen Sie das so anzunehmen, und so wie Sie es im Brief an mich formuliert haben, auch gegenüber Ihrer Partnerin zu formulieren.

Sehen und gesehen werden

Ja, es wird uns überall gesagt, dass der Grund, warum wir Sex haben, die körperliche Befriedigung ist. Die ist ja schön und gut, aber nicht das einzige. Wenn Sex nur gelebt wird, um das Ziel Orgasmus zu erreichen, kann das im Moment zwar erleichtern, aber mit der Zeit hat das trotzdem etwas unbefriedigendes. Ganz anders ist es, wenn zwei Menschen sich von Herzen zugetan sind, und das die Motivation ist, einander auch körperlich zu begegnen. Und zwar genauso wie es ihre Partnerin möchte: um gesehen zu werden, um ihrer selbst Willen. Dann geht es nicht darum, «man weiss ja in etwa was zu tun ist», dann geht es darum, sich einzulassen. Auf genau dieses Gegenüber. Und es geht auch darum sich zu zeigen, damit das Gegenüber überhaupt sehen kann. Da gibt es keine Ziele zu erreichen. Das tönt in vielen Ohren fast unglaublich, aber wenn Sie sich darauf einlassen mögen, werden Sie es selber entdecken: es gibt noch eine andere Art von Befriedigung, die nachhaltiger ist, weil sie dem Wesen der Sexualität mehr entspricht. Sexualität ist etwas heiliges, und zwar in dem Sinne: Sie ist unsere Lebensenergie. Mit ihr gilt es achtsam und weise umzugehen.