The Sessions

Gestern bin ich endlich dazu gekommen, den vielbesprochenen Film «The Sessions» * anzuschauen. Vieles hat mich sehr berührt, anderes hat Fragen aufgeworfen. Nicht nur zum Film, sondern auch zum Umgang in der Gesellschaft mit dem Thema Sexualität, oder zu den Begriffsverwirrungen rund um Berufe die sich mit dem Thema befassen.

 

Sie kennen bestimmt dieses Lachen; viel zu laut, viel zu lange und an Stellen, wo es eigentlich gar nichts zu lachen gibt? Und dieses hysterisch anmutende Lachen ist sehr ansteckend. Plötzlich stimmen immer mehr der Anwesenden mit ein und wälzen sich schier im Kinosessel. Unspektakulärer Umgang mit Sexualität, wie im Film gezeigt, erzeugt offenbar eine hohe Spannung und schlichte, unverblümte Darstellungen, die tiefe menschliche Bedürfnisse zeigen, machen unruhig.

2013, eine Zeit die sich aufgeklärt nennt in Sachen Sexualität, die vermeintlich keine Tabus mehr kennt, wo alle locker und befreit umgehen mit der Sexualität, so frei, dass in fast jeder Werbung darauf angespielt wird, so frei, dass jedermann und jederfrau und jedeskind zu jeder Tages und Nacht-Zeit Zugang hat zu Darstellungen von sexuell motivierten oder sexualisierten Handlungen. So frei, dass sie alle in die gezeigten Schemen passen wollen, und gar nicht merken, dass sie darob ihren Körper nicht mehr wahrnehmen können. Warum brüllen die Zuschauer vor Lachen, wenn die Sexual-Surrogat-Partnerin im Film Körperwahrnehmungsübungen vorschlägt? Ach so, das wär ja noch was jenseits der geilen Fantasien.

Das junge Paar neben mir in der Pause: «Auch solche Leute haben solche Bedürfnisse». Ja, natürlich, «auch solche Leute» – gemeint sind Menschen mit Behinderungen – haben das Bedürfnis nach Nähe und Zärtlichkeit und auch nach genitaler Sexualität. Eben, weil auch sie Menschen sind, und als Menschen sind wir per se sexuelle Wesen, sonst gäbe es uns nicht. Wir haben einen Körper, haben Gefühle, haben Gedanken und Bilder, sind auch spirituelle Wesen, eingebettet in ein Grosses Ganzes.

Apropos spirituell: Eine Schlüsselszene im Film ist für mich das Ringen des Protagonisten darum, ob Gott wohl etwas dagegen hat, dass er endlich erfahren möchte, wie es sich anfühlt, in einer Frau drin zu sein. «My penis speaks to me, father», sagt er in der Beichte zu seinem Seelsorger. Ich bin dem Regisseur dankbar dafür, dass er den Pfarrer zu einem gnädigen Jesus beten lässt, zu einem Jesus, der die Not des Mannes sieht und ihm den Segen gibt, sich auch ausserhalb der Ehe, und auf unkonventionelle Weise, seiner Sexualität anzunähern.

Wie dann diese erste Begegnung zwischen ihm und der Sexual-Surrogat-Partnerin im Film dargestellt wurde, ist wieder eine andere Geschichte. Dieses Vorgehen wäre eher kontraproduktiv und der Klient überfordert, denn solche Prozesse dauern gewöhnlich um einiges länger. Aber die vier gezeigten Sitzungen geben doch ein bisschen Einblick in einen Arbeitsbereich, der gesellschaftlich meist nicht wirklich eingeordnet werden kann, und die unterschiedlichen Berufsbezeichnungen die im Umfeld der Berichterstattung genannt wurden, machen die Sache auch nicht klarer.

Hier der Ansatz einer Berufs-Entwirrung

• Klinische Sexualtherapie: Oft geprägt von Masters und Johnson, in der Regel angeboten von Ärzten oder Psychologinnen mit spezialisierter Zusatzausbildung, gesprächsorientiert.

Neuere Formen der Sexualtherapie

• Systemische Sexualtherapie http://www.ulclement.de Eine auf Gespräch und Aufgaben basierende Methode •Sexocorporelle http://www.sexocorporel.com Körperorientiert, baut auf Dejardin’s pragmatischen Forschungen auf und zielt mit Übungen auf die Befreiung der sexuellen Reflexe.
• Sexualgrounding Therapie http://www.sexualgrounding.com Gespräch und Körperarbeit, verfügt über ein ausformuliertes Konzept zur psychosexuellen Entwicklung von der Kindheit bis zum Tod. Die Fähigkeit wird gefördert, Beziehung und Sexualität selbstreguliert und mit vollem Selbstausdruck zu leben statt bedürftig.

Diese Liste ist natürlich nicht vollständig, sie soll einfach die Vielfältigkeit von möglichen Therapieformen aufzeigen.

• Die im Film gezeigte Sexual-Surrogat-Therapie kommt aus Amerika und ist den praktischen Therapien zuzuordnen. Sie ist eine langsam aufbauende Liebes-Beziehungs-Erfahrung die alle Beziehungsaspekte mit einschliesst, und die eine im voraus festgelegte längere Zeitspanne umfasst. Die Surrogat-Partnerin oder der Surrogat-Partner arbeitet immer mit einem Sexualtherapeuten zusammen, der auch den Klienten regelmässig begleitet. Man nennt das das sogenannte therapeutische Dreieck.

• Im Zusammenhang mit der Filmbesprechung wurden in den Medien oft auch die Begriffe Berührerin, Sexualbegleitung, Sexualassistenz genannt. Das sind keine Therapieformen, sondern ist je nach Anbieterin oder Anbieter entweder eine körperlich erfahrbare nicht sexuelle, oder eine sexuelle Dienstleistung, meist für Menschen mit Behinderungen.

• Ich selber entwickle nunmehr seit 11 Jahren die Körpersexualtherapie. http://www.beraten-und-beruehren.ch Sie basiert einerseits auf einem soliden Fundament als Sexualpädagogin, und auf den obgenannten Therapieformen, von denen ich, nebst köperorientiertem, Aus- und Weiterbildungen besucht habe, andererseits auf meinen eigenen Beobachtungen, wonach oft erst durch Berührungs-Erfahrungen effektive Lern- oder Umlernschritte gemacht werden können. Das wichtigste scheint mir jedoch, dass ich meinen KlientInnen mit einem offenen Herzen begegne, so dass sie sich gesehen fühlen und auf eine therapeutische Beziehung einlassen können. Innerhalb dieser sicheren Therapie-Beziehung können dann auch verpasste psychosexuelle Entwicklungsschritte nachgeholt werden, von ganz Basalem wie mütterlichem Umarmen, bis zu Spezifischem wie nach-erleben von pubertären Entwicklungsschritten. Das schafft den Boden dafür, dass mit der Zeit selbstregulierte und ganzheitlich erfahrbare Beziehung und Sexualität gelebt werden kann.

Problematisch ist meines Erachtens , dass viele der Anbietenden der letztgenannten Gebiete nicht professionell arbeiten. Das heisst, dass sie «persönlich» und «privat» miteinander verwechseln, dass sie ihre eigenen Beziehungs- und Nähe-Bedürfnisse teilweise aus dem Klientenkontakt nähren, (das ist wie doppelte Bezahlung) dass oftmals keine klaren Angaben zum Angebot gemacht werden, so dass der Klient vorgängig nicht wirklich weiss, was er erwarten kann.

Im Film ist schön sichtbar, dass sich die Surrogoat-Partnerin einerseits professionell verhält, und andererseits mit offenem Herzen bei ihrer Arbeit ist. Sie verliebt sich in ihren Klienten, bzw. sie lässt sich von ihm berühren. Nur schade, dass die Beziehung zwischen der Surrogat-Partnerin und ihrem Ehemann eher distanziert dargestellt wurde. Sie will ihm nicht mitteilen, was in ihr vorgeht, und so ist leider ein Klischee bedient, wonach wir Menschen nur für einen Menschen liebevolle Gefühle empfinden können. Hier entweder für den Klienten oder dann für den Ehemann. Schade, denn zu unserem gesunden Wesen gehören Liebe und Mitgefühl und damit dürfen wir ruhig verschwenderisch umgehen, denn dieses Reservoir wäre eigentlich unerschöpflich. Und es heisst ja nicht, dass alles was gespürt und empfunden wird, auch ausgelebt werden muss. Empfinden Können allein ist doch schon ein grosses Geschenk, das auch einfach wahrgenommen werden kann, als eine unserer menschlichen Seins-Ebenen.

* http://outnow.ch/Movies/2012/Sessions/Reviews/kino/

4 Gedanken zu “The Sessions

  1. Danke für diesen wunderbaren Beitrag .Das Thema hat mich berührt und bewegt, sodass ich mich entschloss letzten Sonntag „The Session“ im Kino anzuschauen. Der Film war für mich auch in vielen Szenen sehr berührend und zeigte mir neue Möglichkeiten, Ansichten, Gedanken wie man mit seinen menschlichen Bedürfnissen auch noch umgehen kann.
    Ich habe im Laufe meines Lebens durch „schlechte“ Erfahrungen verschiedene Vermeidungstaktiken/Muster angeeignet, sodass ich meine natürlichen Bedürfnissen nach freudvoller Sexualität mit einem Mann völlig unterbunden habe. Durch den Film wurde mir auch bewusst, dass ich stark durch den Glauben geprägt wurde und vorwiegend die dunklen Schatten Seiten der Sexualität kannte. Dass Sex auch etwas Schönes, lustvolles, freudiges sein könnte unvorstellbar….Ich finde den Film deshalb wie Balsam für die verletzte Seele.

    Mir gefiel besonders die natürliche offene Art und Weise wie Mark O`Brian mit dem Pfarrer sprach. Es war so wohltuend, berührend, befreiend.

    Natürlich hat mich der Film auch zum nachdenken angeregt. Mir ist bekannt, dass es viele Frauen als Therapeutinnen gibt. Wie ist es denn, wenn eine Frau in einer solchen Situation ist? Gibt es auch Männer die diese Therapien anbieten?
    Wie ist es wenn eine Frau behindert oder nicht behindert die gleichen Bedürfnisse hat.Was hat sie für Möglichkeiten?

  2. Danke für diesen aufklärenden Beitrag. Vor allem die Begriffliche Erörterung ist hilfreich.

    Alte Leute, behinderte Leute, stark übergewichtige Leute, kranke Leute … alle, alle haben das menschliche Bedürfnis nach intimer Nähe. Es gibt für mein Verständnis in unserer Gesellschaft noch immer viel zu viele einseitige Rollenvorgaben und -Vorstellungen, die einer echten, nährenden Begegnung im Weg stehen. Filme wie „Sessions“ bringen hier etwas mehr entspannte Natürlichkeit.

    Es gibt einige wertvolle Filme, welche versuchen, Sexualität in eine aufklärenden, informierenden Rahmen zu setzen. Ein weiterer, nebst „Sessions“, ist „XXY“. Darin geht es um ein 15 jähriges Mädchen, das weibliche und männliche Genitalien hat. Die Geschichte zeigt, wie die Identität des Mädchens sich in der Gesellschaft, in der Familie und im persönlichen Liebesleben ganz langsam formt. Diskutiert wird auch die Thematik einer Operationen und die Einnahme von Medikamenten, um eine geschlechtliche Seite sozusagen zu unterdrücken.

  3. Ich kann mich nur anschließend und Danke sagen für diesen wundervollen Beitrag. Persönlich bin ich der Ansicht das die meisten nur über Sex reden können wenn es so unpersönlich ist wie möglich. Je krasser und unwirklicher umso eher steigen andere mit ein. Sobald es aber und die eigenen Gefühle bei einfachen Berührungen geht wird es den meisten bereits zu peinlich. Alleine die Tatsache, dass man sich mit dem besten Kumpel über die verschiedensten sexuellen Praktiken unterhalten kann, aber der eigenen Freundin nicht sagen kann was einen erregt und was für Fantasien man hegt. Es ist eigentlich traurig das die innere Verklemmtheit damit versteckt wird, dass man das Thema Sex über alle Kanäle rausposaunt. Grund dafür ist meiner Meinung nach bereits die fehlende Aufklärung in der Jugend. Ansatt sich realitätsfernes Wissen aus irgendwelchen Pornos anzueignen sollte man Jugendlichen eher mal ein qualitatives Buch zum Thema in die Hand drücken.

Schreibe einen Kommentar