Tolerierter Missbrauch

Wie viele Menschen müssen einen bestimmten Weg beschreiten, damit etwas zum Trend erklärt wird? Oder muss ganz einfach prominent und wiederholt über diesen Weg berichtet werden, damit diese Wanderung sozusagen trendig wird? Und warum wird der einen Wanderung Platz eingeräumt und der anderen nicht. letzte Woche am Beispiel «Mingles» versus die Auswirkungen von erschlichenen Küssen bei Kindern.

Letzte Woche hat mich ein Reporter von Tele Züri angerufen. Er wollte wissen, was ich vom neunen Beziehungs-Trend «Mingles»* halte – da gleichentags in 20Minuten darüber berichtet wurde – und ob man tatsächlich von einem Trend sprechen könne, ob ich das in meiner Praxis auch beobachte usw. Keine Ahnung ob dann auch tatsächlich ein Bericht zu dieser Thematik zustande kam – beziehungsweise ob sich ein Therapeutenkollege dazu bereit erklärte, diesen «Trend» zu bestätigen – da ich ja keinen Fernseher habe.

Aber darum soll es hier nicht gehen. Vielmehr habe ich mich gefragt, warum mich der Reporter nicht Tags zuvor angerufen hat, als in der selben Gratispostille über die Auswirkungen von Küsschen, zu denen Kinder genötigt werden, zu lesen war. Darüber hätte es viel zu sagen gegeben. Das ist ein Thema von Bedeutung – mit Auswirkungen bis ins Erwachsenenleben – aber doch nicht, ob es ein Trend ist, dass sich erwachsene Menschen in lockerer Beziehung zusammen tun.

Erzwungene Küsschen, oder Missachtung des Eigenraumes, der körperlichen Integrität ist etwas woran sich viele Erwachsene aus ihrer Kindheit erinnern mögen. Etwas was auch heute tagtäglich tausendfach geschieht. Also ein trauriger Dauertrend sozusagen. «Gib mir ein Küsschen, gib dem Papi ein Küsschen, gib der Tante ein Küsschen» etc. Wie oft müssen Kinder solche Sätze hören, verbunden mit der direkten Aussage, «da werde ich aber sehr traurig, wenn der kleine Sowieso mich nicht küssen will, oder auch mit der nonverbalen Botschaft, wenn du Mami nicht glücklich machst, hat sie dich nicht mehr lieb». So respektlos gehen wir mit Kindern um. Wir missbrauchen sie für unser Wohlbefinden, weil es ja so süss ist, so ein Kinderküsschen.

Ein tolerierter Missbrauch. Ein nicht hinterfragter Missbrauch.

Kinder verteilen ihre Küsschen gerne genauso freiwillig, wie wir Erwachsenen auch. Manchmal küssen sie und manchmal eben nicht. Den einen küssen sie, die andere eben lieber nicht. Und manchmal müssen sie zuerst beobachten, und nähern sich erst später, usw. Das ist zu respektieren und das allfällige Ablehnungsgefühl, das den Erwachsenen dabei überfallen kann, hat mit der kindlichen «Küsschenverweigerung» nichts zu tun. Das ist eine ganz andere Geschichte, für die jedoch der Erwachsene Verantwortung tragen müsste.

Ich selber mag mich bis heute an Onkel Ernst und seine ekelhaft feuchten Begrüssungsküsse erinnern. Keine Chance dem entgehen zu dürfen, das wurde ganz einfach so erwartet. Keine Frage was höher gewichtet wurde, mein Ekelgefühl oder Onkel Ernst’s Bedürfnis mich zu küssen.

Und warum lachen alle, wenn das Kind mit hilfloser Geste seine Wangen trocken reibt? Warum wird gelacht, wenn ein Kind nach einem erzwungenen Küsschen wütend wird? Warum spielen alle mit, wenn ein Kind darob verwirrt reagiert, und wahllos die Nähe zu allen sucht und sich gleichzeitig auch schon wieder abwendet? Warum wird das Kind zurechtgewiesen oder bestraft, wenn es mit Aggressionen darauf reagiert? Warum wird es auch noch bloss gestellt, wenn schon sein Eigenraum missachtet wird?

Natürlich hat ein solches Vorkommnis einmal im Jahr nicht das selbe Gewicht, wie wenn kindliche Körperempfindungen und Gefühle immer wieder missachtet und übergangen werden. Ein Kind lernt daraus, dass seine Empfindungen und seine Gefühle unwichtig sind, dass Erwartungen von Eltern und Verwandten viel wichtiger sind. Und ein Kind lernt sich anzupassen, da es ja auf sein Umfeld existenziell angewiesen ist. Ein Kind, dessen körperliche Integrität, dessen Eigenraum nicht respektiert wird, wird auch als Erwachsener seinen Eigenraum nicht nehmen können. Dieses Missachten, wird seinen Bindungs- und Liebesstil, aber auch sein Sexualverhalten  mit beeinflussen. Es wird ein «grenzenloser» Erwachsener, einer, der so schwammig wird, vor lauter Sehnsucht endlich so gesehen zu sein, wie er oder sie wirklich fühlen und sind. Oder einer der lieber gar niemanden wirklich an sich heranlässt, vielleicht eben lieber dauerhaft als Mingle lebt, aus lauter Angst, dass ihm sonst wieder gesagt wird, was er oder sie zu fühlen hat. Oder einer, der hin und her gerissen ist, immer pendelnd zwischen diesen beiden Ängsten – es wird mir zu viel, oder ich bekomme zu wenig.

Und warum wird über das eine berichtet und zum neuen Trend erklärt, während das andere höchstens mal im Zusammenhang mit einer Studie zur Sprache kommt? Was hat mehr Gewicht und Nutzen für den Menschen?

 * Mingles leite sich ab aus Singles und Mixed, beschreibe eine neue Beziehungsform. Früher sagten wir dem «lose Beziehung».

Ein Gedanke zu “Tolerierter Missbrauch

  1. bei meiner Arbeit mit Kindern erlebe ich das tagtäglich, wenn Eltern ihre Kinder zurück lassen und von ihnen einen Abschiedskuss erwarten und ihn eben auch erzwingen. Ich habe deswegen noch keine Lösung gefunden, wie ich dem Kind helfen kann ohne dass die Eltern sich betupft fühlen. Ich frage mich wer den nun genährt wird, das Kind oder wollen die Eltern nachgenährt werden? Mir kommt auch immer die Geschichte in den Sinn, vom König, der eine Studie machte, wo Kinder alles bekommen haben, ausser Liebkosungen und Körpernähe. Diese sind gestorben. Wie ist es in unserer heutigen Zeit, bekommen wir zu viel oder doch zu wenig?

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