Süsszitronen

«Wenn dir das Leben nur Zitronen gibt, dann mach Limonade draus!», ist das Lebensmotto von Maria, einer Inzest-Überlebenden, die Heilung erfahren hat. 

 

Vor ein paar Tagen wurde mir ein Bericht zugeschickt. Er passt sehr gut zur Diskussion zu den vorangehenden Blog-Themen. Und er spricht mir aus dem Herzen. Ich weiss aus eigener Erfahrung und aus der Begleitung in der Therapie: Heilung ist nur möglich wenn man sich bewusst dafür entscheidet , Verantwortung übernimmt und achtsam lebt. Das jedoch ist erst möglich, wenn es einen sicheren Ort gibt, von dem aus diese Schritte unternommen werden können. Das war auch bei Maria so.  An ihrem Bericht fand ich vor allem die Beobachtungen über die Gemeinsamkeiten im Verhalten von geheilten Frauen interessant und hilfreich.

Drum möchte ich diese Beobachtungen – in gekürzter Form –  und mit der Erlaubnis der Autorin mit euch teilen:

Ich heiße Maria, bin 35, Inzestüberlebende mit Persönlichkeitsstörung, trockene Alkoholikerin seit 8 Jahren, mehrfach süchtig. Und ich habe Heilung erfahren.

Zwischen meinem 31. und 33. Lebensjahr war ich 5 Mal stationär in der Klinik,

5 große Krisen in diesen 3 Jahren, für die ich so dankbar bin! Jede einzelne dieser Krisen brachte mich ein Stück weiter Richtung Genesung. Ich hatte stets die Zuversicht, dass meine Seele mir nur soviel zum verarbeiten zumutet wie ich auch verkraften kann. Es fühlte sich an wie eine Reise in die Tiefe meiner selbst.

Während dieser Zeit habe ich viele Betroffene kennen gelernt. In den WGs und bei der Arbeitstherapie der Klinik, in der Einrichtung der Heilsarmee für wohnungslose Frauen und in den Selbsthilfegruppen. Viele von uns haben Heilung erfahren. Mir fiel auf, dass wir zwar verschiede Wege gegangen sind, aber auch dass es zwischen uns Gemeinsamkeiten gab:

Wir haben aufgehört uns selbst zu bemitleiden und haben die Verantwortung für unser Leben übernommen.

Wir haben uns für die Heilung entschieden! Die meisten von uns mussten alles verlieren und an dem so genannten Tiefpunkt landen, bevor diese Bereitschaft sich einstellte.

Ich musste alles verlieren: Meine Bankkonten waren gesperrt, keine Krankenversicherung, keinen legalen Status, keine Wohnung, Verschuldung. Keine Kraft weder zum arbeiten noch um die Dipl.-Arbeit fertig zu schreiben. Ich war rund um die Uhr betrunken und verließ grundsätzlich nicht die Wohnung. Nach scheitern des letzten Suizidversuchs war ich erstmals bereit mit Hilfe der A.A. mit dem Trinken aufzuhören. Dadurch kam das was ich mit Alkohol zu ertränken versuchte an die Oberfläche und ich musste mich in stationäre Therapie begeben.

Wir waren bereit auf alles Schädigende zur verzichten. Das bedeutete für viele von uns eine totale Umkremplung der Lebensumstände. Bei mir bedeutete es Verzicht auf Alkohol, Zigaretten, Abschied von Sexpartnern, Trennung vom Lebensgefährten mit dem ich eine 3 jährige pathologische Co-Abhängige Beziehung führte. Abschied von meiner Täter-Familie und meinen Co-Abhängigen Freunden. Ich fühlte mich sehr einsam in dieser Zeit und musste die Leere in mir ohne die gewohnte Drogen aushalten lernen.

Wir haben dafür ein Netzwerk um uns herum gebildet – in Form von Selbsthilfegruppen.

Notfallpläne – ich hatte sogar einen Notfallkoffer. Dort befanden sich Gummibärchen, Schokolade, die Tel-Nr. aller Einrichtungen, Freunde, Kriseninterventionen usw. meine Lieblingsbilderbücher, 1 Teddybär, 1 Kuscheldecke, Lieblingsmusik. 1 Zettel mit : „In die Handlung gehen!“ (ich muss nach wie vor alles tun um nicht in die Lähmung zur verfallen!) 1 Zettel mit „Ängste sind Wegweiser. Ich muss durch meine Ängste durch!“. All das nahm ich immer in die Klinik mit!

Die Schaffung eines Sicher- und Geborgenheitspendenden Ortes: Meine Wohnung. Diese Wohnung habe ich in sehr warmen, fröhlichen Farben gestrichen und ein Lese- und Wohlfühlraum eingerichtet, voller Bücher und Pflanzen.

Außerdem entdeckte ich als Entspannung die Atem- und Gehmeditation, das Wandern, die Buchbinderei, Gesellschaftsspiele und das Baden. Das Baden ist sehr wichtig. Ich kann erst seit ein Paar Jahren baden! Ich habe endlich gelernt Entspannung zuzulassen ohne Angst die Kontrolle zu verlieren und kann heute das Baden richtig genießen! Der Einzug vom Kater Pumba in meiner Wohnung hat entschieden zur meiner Genesung beigetragen! Es ist nämlich für uns sehr schwer Verantwortung für andere zu übernehmen und so viel Nähe zuzulassen, besonders wenn sie völlig auf uns angewiesen sind.

Rückschritte werden von uns nicht als Versagen verstanden, sondern als die Notwendigkeit des Wiederholens um zu wachsen. Das kann ungeheuer erleichternd wirken – das Wissen, dass wir jeder Zeit die Dinge so gut tun, wie es in diesem Moment eben möglich ist, und die Zuversicht dass es beim nächsten Mal besser wird oder zumindest bewusster wird. Dieses bewusste Leben, achtsame Leben ist der zentraler Punkt unsere Genesung. Die müssen wir uns jeden Tag aufs Neue für immer erarbeiten!

Alle haben einen Teil in sich wiederentdeckt und gefördertder Teil, der stark ist, der Teil der schön ist. Diese Ressourcen und Fähigkeiten, die wir in uns entdeckten, benötigen wir um uns in schwierigen Zeiten helfen zu können.

Für uns heisst Genesung, gut leben zu können und nicht mehr Spielball unserer Symptome zu sein! Es wird nie verschwinden, aber wir können lernen damit gut zu leben und sogar positives darin entdecken.

Viele haben in ihrem Schmerz oder in ihrer Krankheit einen Sinn gefunden. Krankheit und Krise wurden als Chance betrachtet statt als Feind, der bekämpft werden muss. Apropos Kämpfen: Wir haben seit frühester Kindheit gelernt in einem gewalttätigen Umfeld zu überleben, dafür haben wir Fähigkeiten entwickelt, die uns das Überleben ermöglicht aber diese Fähigkeiten stecken jetzt in unserer Persönlichkeit drin. Aber da draußen ist der Krieg zu Ende. Wir müssen also lernen in Friedenszeiten zu leben und die Waffen in uns ablegen.

Was mir endlich Versöhnung mit mir und dem Leben brachte war den Sinn in meinem Leiden zu finden. Mit 34 war ich wieder in der Klinik. Es war die schlimmste Krise von allem! Ich hatte zum ersten Mal Flashbacks in Form von unerträglichen Unterleibsschmerzen und Alpträumen. Ich konnte mich nicht konzentrieren, ich hatte eine völlige geistige Blockade! Ich konnte weder arbeiten, noch lesen, sogar die Arbeitstherapie in der Klinik konnte ich nicht bewältigen! Ich meditierte im Geiste zusammen mit jedem auf dieser Welt, der genau diesen Schmerz mit mir teilt. Ich fühlte mich nicht mehr alleine und das Leid mit tausenden zu teilen machte es erträglicher. Und plötzlich mitten in dieser Meditation wurde mir klar: Wir alle haben sehr wichtige Aufgaben zu erfüllen!

Früher fragte ich mich ständig: Warum denn ich schon wieder? Wieso haben andere Überlebende 1 oder 2 Missbrauchsarten erlebt und ich 4 oder 5? Ich bin das größte Opfer der Welt! Ich bin das Leid in Person! Wieso musste ich im Alter von 18 Monaten von meiner Mutter genommen werden? Wieso musste ich Krieg erleben und jahrelang von Flüchtlingslager zu Flüchtlingslager ziehen? Warum musste ich von einer rassistischen Familie großgezogen werden? Warum musste ich seit ich 7 oder 8 bis in meine Jugend sexuell missbraucht und sexuell belästigt werden? Wieso hat mich die Frau des Täters geschlagen als sie davon erfuhr? Wieso war ich den willkürlichen Wutausbrüchen meiner Tante ausgeliefert. Ich wusste nie wann ich angeschrieen, verprügelt, erniedrigt, eingesperrt oder vor Liebe erdrückt wurde.

Wieso ich? Weil ich die Kraft hatte alles zu überleben und später zu transformieren. Den Kompost, der meine Familie seit Generationen in sich trägt und an mich weitergegeben hat, in mich aufnehmen und es zu was Schönem werden zu lassen. Bei so viel Kompost, den mir das Leben mitgegeben hat, konnte ich nur wunderschön werden. Diese Transformation ist nie abgeschlossen. Ich empfinde es als lebenslange Aufgabe.

Solange ich achtsam lebe geht es mir gut. Es ist nicht einfach achtsam zu leben, aber es gibt keine Alternative. Wenn ich meine Grenzen nicht respektiere geht es mir nicht gut und ich spüre die alten Symptome, zwar in abgeschwächter Form, aber sie kommen wieder. Heute kann ich entscheiden den alten Weg zu gehen oder was Neues zu wagen. Es macht mir hin und  wieder etwas Angst das Leben zu leben in dem ich mich in Beziehung zu meiner Umwelt setze. Aber es lohnt sich. Das Leben ist zwar anstrengend, aber unglaublich schön! Ich möchte mit niemanden auf der ganzen Welt tauschen!

Mein Lebensmotto: Wenn Dir das Leben nur Zitronen gibt: mach Limonade daraus!

http://www.ganzheitlich-beruehrt.de

2 Gedanken zu “Süsszitronen

  1. Ein tief berührender Lebensbericht, der enorm ermutigend auf mich wirkt. Trotz Allem – ja zum Leben sagen, das gefällt mir. Danke vielmals für diese vielen verständlichen und hilfreichen Hilfsmittel, wie man lernt Verantwortung für sich und das Leben zu übernehmen, wie man achtsam leben lernt, lernt mit sich selber menschlich umzugehen. Einfach toll. Danke.
    Sollte ich wieder einmal das Leben als schwärzer als schwarz sehen, versuche ich an Marias leuchtend gelben Zitronen-Limonade zu denken.

  2. DANKE für diesen WERTVOLLEN Beitrag. Diese Geschichte berührt und gibt auch mir Mut und Motivation dranzubleiben. JA……. es sind diese Gedanken, die Achtsamkeit und Einstellungen die helfen etwas zu verändern, zu heilen, zu bewegen….Hab auch schon in einigen Bereichen genau durch diese Punkte Heilung und Erkenntnisse erfahren dürfen. Dafür bin ich sehr dankbar! Es lohnt sich dran zu bleiben!

    Mir gefallen Geschichten und diese finde ich passend zu diesem Thema.
    Hoffe, dass sie euch gefällt und einfach gut tut!?

    Das perfekte Herz
    Eines Tages stand ein junger Mann mitten in der Stadt und erklärte, dass er das schönste Herz im ganzen Tal habe. Eine große Menschenmenge versammelte sich, und sie alle bewunderten sein Herz, denn es war perfekt. Es gab keinen Fleck oder Fehler in ihm. Ja, sie alle gaben ihm Recht, es war wirklich das schönste Herz, das sie je gesehen hatten. Der junge Mann war sehr stolz und prahlte noch lauter über sein schönes Herz.
    Plötzlich tauchte ein alter Mann vor der Menge auf und sagte: „Nun, dein Herz ist nicht mal annähernd so schön, wie meines.“ Die Menschenmenge und der junge Mann schauten das Herz des alten Mannes an. Es schlug kräftig, aber es war voller Narben, es hatte Stellen, wo Stücke entfernt und durch andere ersetzt worden waren. Aber sie passten nicht richtig, und es gab einige ausgefranste Ecken…. Genau gesagt, an einigen Stellen waren tiefe Furchen, wo ganze Teile fehlten. Die Leute starrten ihn an: wie kann er behaupten, sein Herz sei schöner, dachten sie?
    Der junge Mann schaute auf des alten Mannes Herz, sah dessen Zustand und lachte: „Du musst scherzen“, sagte er, „dein Herz mit meinem zu vergleichen. Meines ist perfekt und deines ist ein Durcheinander aus Narben und Tränen.““Ja“, sagte der alte Mann, deines sieht perfekt aus, aber ich würde niemals mit dir tauschen. Jede Narbe steht für einen Menschen, dem ich meine Liebe gegeben habe. Ich reiße ein Stück meines Herzens heraus und reiche es ihnen, und oft geben sie mir ein Stück ihres Herzens, das in die leere Stelle meines Herzens passt. Aber weil die Stücke nicht genau sind, habe ich einige raue Kanten, die ich sehr schätze, denn sie erinnern mich an die Liebe, die wir teilten. Manchmal habe ich auch ein Stück meines Herzens gegeben, ohne dass mir der andere ein Stück seines Herzens zurückgegeben hat. Das sind die leeren Furchen. Liebe geben heißt manchmal auch ein Risiko einzugehen. Auch wenn diese Furchen schmerzhaft sind, bleiben sie offen und auch sie erinnern mich an die Liebe, die ich für diese Menschen empfinde… und ich hoffe, dass sie eines Tages zurückkehren und den Platz ausfüllen werden. Erkennst du jetzt, was wahre Schönheit ist?“
    Der junge Mann stand still da und Tränen rannen über seine Wangen.
    Er ging auf den alten Mann zu, griff nach seinem perfekten jungen und schönen Herzen und riss ein Stück heraus. Er bot es dem alten Mann mit zitternden Händen an. Der alte Mann nahm das Angebot an, setzte es in sein Herz. Er nahm dann ein Stück seines alten vernarbten Herzens und füllte damit
    die Wunde in des jungen Mannes Herzen. Es passte nicht perfekt, da es einige ausgefranste Ränder hatte.
    Der junge Mann sah sein Herz an, nicht mehr perfekt, aber schöner als je zuvor, denn er spürte die Liebe des alten Mannes in sein Herz fließen. Sie umarmten sich und gingen weg, Seite an Seite.
    Philipp Schopfer

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