Vom Haare verführt

Kopftuch als religiöses Symbol, als Frauenunterdrückungs-Instrument oder auch männerfeindlich?

Als 15-jährige verbrachte ich ein Jahr in einem freikirchlich-christlichen, von Diakonissen geleiteten, Internat. Es war die Zeit der Minirock-Mode, der flatternden Haare, des Aufbruchs. Das Tragen von kurzen Röcken und der Aufbruch zu eigenständigem Denken waren verboten, Ohrläppchen durften nicht durchstochen, und der Blick sollte gesenkt werden, wenn ein Mann in der Nähe war. Das alles stand im stillen oder auch weniger stillen Widerspruch mit dem normalen Erleben und Empfinden von 15-jährigen Mädchen – wie man damals noch sagte. Es ist das Alter, wo Mädchen eigentlich neugierig und lebendig wären, wo sie ihre Wirkung im Aussen ausprobieren möchten, wo sie sich sicher geben aber unsicher sind, wo sie ihren sich entwickelnden Frauenkörper erkunden – auch das war selbstredend verboten – wo sie gerne Knaben kennen lernen möchten usw. Das alles ist richtig so, das muss so sein, damit sie sich zu selbstbewussten und selbstregulierten erwachsenen Frauen entwickeln könnnen. Es muss so sein, dass Mädchen in diesem Alter ihre Schritte nach Aussen gehen, damit sich ihr Weg abzuzeichnen beginnt, es muss auch sein, dass dieser Weg vom vorgezeichneten Weg der Eltern, der Gesellschaft oder von wem auch immer, abweichen darf.

Item, eines Sonntags nach dem Besuch des Gottesdienstes kam die für die Mädchen zuständige Schwester E. zu mir. «Marlise, du darfst dein Haar nicht offen tragen, du musst es hoch stecken. Mit diesem rotblonden Haar reiz’st du die Männer», sagte sie streng. Ich wusste nicht so genau wovon sie redet, denn da war nie auch nur ein Gedanke daran, mit meinem Haar einen Mann zu reizen, oder reizen zu können.

Und trotzdem fühlte ich mich schuldig.

Dieser eindringliche Blick aus Schwester E’s leicht hervorstehenden Augen und das noch eindringlichere «du reiz’st die Männer», taten seine Wirkung. Bald darauf liess ich mein Haar kurz schneiden – was natürlich auch nicht gern gesehen war – aber mir als das kleinere Übel erschien.

Männer, triebgesteuerte wilde Kerle?

Diese Geschichte ist mir erst letzthin, im Zusammenhang mit der Kopftuch-Diskussion, wieder in den Sinn gekommen. Da wird den Frauen mit gestrengem Blick und gestrenger Stimme geboten: «Versteckt euer Haar, ihr reizt damit die Männer.» Schon kleine Mädchen lernen das. Die Frau als Verführerin per se. Gleichzeitig wird damit natürlich auch impliziert: Männer sind eine willenlose, triebgesteuerte Horde von wilden Kerlen. Schon ein Haar kann reichen, und … Und was? Auch das lernen schon kleine Mädchen.

Wollen wir solche Geschlechterschemata weiter stützen? Ist solches Denken und Handeln menschenwürdig? Können sich Knaben und Mädchen unter solchen Voraussetzungen den psychosexuellen Reifestufen entsprechend entwickeln? Können Mann und Frau sich auf gleicher Augenhöhe begegnen, wenn in den Hinterköpfen solche Opfer/Täterin/Täter/Opfer-Gebilde hocken?

Wenn ich mich daran erinnere, was ich damals empfand, als mich Schwester E.  zur Täterin machte, nehme ich ein enges und gleichzeitig flaues Gefühl in der Magengegend wahr, und es fühlt sich so an, als ob etwas aus mir herausfliessen würde. In meinem Körper bleibt eine Art ohnmächtiger Kraftlosigkeit zurück.

Unterdrückung weckt Begehrlichkeit

Heute trage ich mein Haar wieder lang. (obwohl das laut Lifestyle-Beraterinnen Frauen über 50 nicht mehr tun  sollten …) Und auch heute verschwende ich keinen Gedanken daran, damit einen Mann zu reizen, oder reizen zu wollen. Ich sehe Männer als sexuell selbstregulierte Menschen, so wie die Frauen auch. Ich weiss natürlich, dass viele Frauen und Männer das noch nicht gelernt haben. Aber ich will es so sehen, denn das macht alles viel einfacher: Ich trage Verantwortung für mein Handeln, Denken und Tun. Für allfällige Gedanken, Fantasien und Taten anderer bin ich nicht zuständig.

Dass Mann und Frau sich voneinander angezogen fühlen können, darüber dürfen sie sich doch freuen! Auch Erregung zu spüren ist etwas Wunderbares. Aber viele haben es nicht gelernt, sich darüber zu freuen. Sie haben gelernt zu verdammen und es dadurch in übersexualisierte und besetzende Bahnen zu lenken. Wer etwas unbedingt bekämpfen will, steigt erst recht ein. Unterdrückung weckt Begehrlichkeit. Wer hingegen gelernt hat, dass Erregung und Anziehung sein dürfen, der kann das auch wieder ziehen lassen. Oh, diese schöne Frau, dieser attraktive Mann, wow! Und im Herzen oder auch zwischen den Beinen wird es für einen Moment ganz lebendig. Sich freuen heisst nicht «haben wollen», Freude bedeutet mitschwingen. Aber statt diese Lebendigkeit zu spüren und diesen Moment zu geniessen, müssen Schuldige her. Wie lange wollen wir uns noch für die Unterdrückung entscheiden statt für die Freude?

Wie ist das für Sie?

4 Gedanken zu “Vom Haare verführt

  1. Wir drei Mädchen wurden mit der Fernsehsendung XY-Aktenzeichen erzogen. Immer wenn eine Vergewaltigung oder Mord an einer jungen Frau ausgestrahlte wurde, mussten wir uns vor den Fernseher setzen und dies anschauen, danach wurden wir wieder zum Spielen geschickt. Wir sollten lernen, was mit den unanständigen Mädchen passiert, wenn sie sich in Discos anzüglich bewegten, mit „nuttigen“ Kleidern herumliefen und langen Haare trugen, die Männer reizten. Da sei es kein Wunder, wenn sie vergewaltigt und tot im Strassengraben oder Wald aufgefunden werden.
    Diese Abschreckungsmethode hatte bei mir Erfolg, ich ging bis weiter über 20 als Junge durch. Die Sendung kam und kommt oft in meinen Träumen vor.
    Ich muss mir heute immer wieder sagen, nicht alle Frau und ich auch sind Schlampen, wenn sie sich schön, modisch und feminin kleiden, lange Haare und Schmuck tragen und nicht jeder Mann ist ein Täter aus dem XY-Aktenzeichen.

  2. Die Reize, ach! Es gibt Sommer, da bin ich froh, wenn es endlich kühler wird, und sich mein Männerblick nach innen wenden könnte … und kaum sind die Frauen verhüllt, sehne ich mich nach Frühling und Sonne.
    Ich glaube, Religionen, wie wir sie kennen, sind grundsätzlich Männerspiele. Das haben einige Männer unter sich ausgeheckt, um sich damit wichtig zu machen. Und jedesmal wenn eine Frau in deren Nähe kommt, und diese Frau ist als Frau erkennbar, gerät das Relgionsgebäude ins Wanken. Ein lautes Lachen, ein aufreizender Blick, Haare – und alles droht einzustürzen. Das Leben schwemmt die Sandburgen weg und entzieht ihnen das Fundament. Die Religionsbaumeister wissen das, darum verteilen sie Hüllen und Gebote.

  3. Ich musste als Kind immer lange Haare haben, aber natürlich in Zöpfen oder mindestens zusammengebunden als Rossschwanz. Anständig? Züchtig?
    Damals haben wir gelernt, uns für vieles zu schämen, von dem wir gar nicht verstanden, worum es ging.

    Viele Frauen schneiden sich die Haare, wenn eine Beziehung zu Ende ist. Als Protest oder Zeichen ihrer Unabhängigkeit?
    Oder ist das ein Zeichen dafür, dass sie sich bis dahin nicht erlaubten, die Haare so zu tragen, wie es ihnen am besten gefallen hätte?

  4. bis zu meinem 32sten Lebensjahr trug ich kurzen Haarschnitt.Es scheute sich niemand davor mir über den Kopf zu streicheln zumal ich auch noch klein und fein gebaut bin.
    Alle fanden mich (niedlich) zum anfassen halt…. so richtig herzig.Jedenfalls in den Auge der Männer

    Nun…diese Zeiten sind vorbei,da ich meine Haare wachsen liess…Und nun ?
    (Alle) begenen mir mit wahrscheinlichem Respekt… ? und oder Distanz und Achtung.Aufeinmal findet man mich sexy und feminin,von anfassen ist nicht mehr die Rede.Dafür bin ich nun
    eine (scharfe Ratte)eine halt fürs Bett….So gesehen auch die falsche länge.Denn das Bett ist ja nicht mein Ziel gewesen…sowas wär dann wohl mit kurzen Haaren nicht möglich gewesen (?!) Ob dass wirklich eine Rolle spielt ? wer weiss…..

Schreibe einen Kommentar