Von Verrichtungsboxen und Kopftüchern

Was haben Verrichtungsboxen mit Kopftüchern gemeinsam? Auf den ersten Blick nichts, beim zweiten Blick scheint es mir, dass einmal mehr die Männer als willenlose Wesen und insbesondere die männliche Sexualität als versaut und rein Trieb gesteuert, und die Frauen als jederzeit verfügbar und als das Verderben in Person dargestellt werden.

Da wurde von den Stadtzürcher Stimmberechtigten doch tatsächlich ein 2,4-Millionen-Franken-Kredit befürwortet, um sogenannte Verrichtungsboxen aufzustellen, ein künstlicher Strassenstrich sozusagen unter dem Deckmantel «Frauenschutz». Und momentan, zwei Wochen vor der Eröffnung, überschlagen sich die Zeitungen mit Vorschauen und genau abgebildeten Plänen, wie das Areal aussieht und wie der Strich-Parcours zu absolvieren sein wird. (Service publique für den Steuerzahler und die 52,6 % der Befürwortenden?) Es werden Reporter auf den «echten» Zürcher Strassenstrich geschickt, um einen letzten Augenschein auf die Szene zu erhaschen, und die lüsternen Leserinnen und Leser daran teilhaben zu lassen. So weit so ungut.

Ein Aspekt des Mann-Seins ist das Phallische

Dass Männer als phallische Wesen im Alltag von den Frauen oft gnadenlos im Stich gelassen, als Schwanz orientiert, mit dem Schwanz denkend, und überhaut als alle paar Sekunden nur mit Sex Beschäftigte dargestellt werden, ist das eine. Das andere ist; so wie Sex und Sexualität in der Öffentlichkeit dargestellt wird, könnte leicht der Eindruck entstehen, dass es sich beim Sexakt nur um schnelle und jederzeit erhältliche Auf- und Entladung handeln würde, und als sei das die einzige Art der Sexualität.

Wo sind die Stimmen der Männer, die Sexualität auch als etwas ganzheitlich Erfahrbares, als etwas Verbindendes, als etwas nachhaltig Nährendes, Befriedigendes und Beglückendes erleben? Wo sind die Vor-Bilder, die den Buben sagen, «Mädchen sind etwas ganz Tolles, schau sie an, freu dich an ihnen und indem du mit ihnen in Beziehung trittst; auch mit ihnen», oder so ähnlich. Wo sind die Stimmen, die sagen, «Mädchen haben wie du auch das Recht  auf körperliche und sexuelle Integrität. Es geht nicht, dass du sexistische Witze machst, dass du sie begrapschst, bloss stellst, usw.» Wo sind die Frauen-Stimmen, welche die Männer als phallische Wesen anerkennen, ohne sich über diesen Aspekt des Mann-Seins lustig zu machen?

Wo bleibt das mediale Gleichgewicht?

In den Medien leider nicht. Dort werden fast ausschliesslich die Schweinereien gezeigt, das Plakative, wird über geplante Porno-Drehs berichtet, mit Pornodarstellerinnen Interviews geführt wie mit Diven, werden sexuell eindeutige Bilder auf Titelseiten abgebildet, wird über Genital-OP’s und Intimfrisuren berichtet, usw. Das alles mag in unserer pseudofreien Gesellschaft schon auch seine Richtigkeit haben. Aber wo bleibt das Gegengewicht? Die Medienwelt, die für sich gerne in Anspruch nimmt, um Ausgewogenheit besorgt zu sein, zumindest beim Thema Sexualität versagt sie kläglich. Warum zeigt sie nicht auch das Andere, das Unspektakuläre, Menschliche? Ihr Redaktoren und Redaktorinnen, habt ihr etwa Angst als prüde zu gelten, als BlümchensexerInnen, als nicht dem urbanen Life Style-Konzept entsprechende oder so?

Bilder prägen mit

Es ist für die sexuelle Entwicklung mit-prägend, welche Bilder davon gezeichnet werden. Ich erlebe das bei meiner Arbeit täglich. Beispielsweise auch wenn’s um Menschen mit Beeinträchtigung geht. Heute werden zumindest oft die Signale ernst genommen, wenn auch noch nicht der Mensch dahinter. Letzte Woche beispielsweise rief mich eine Mutter an, und sagte, dass ihr 19 jähriger Sohn endlich mal «entladen werden sollte», ob ich eine Adresse kenne. Genau mit diesen Worten. Auf meine Frage hin, was er über seinen Körper wisse, wie vertraut er mit seinem Körper ist, ob er schon mal eine Freundin hatte etc., darüber wusste sie nichts. Einfach entladen sollte er werden. Wie kommt eine Mutter dazu, ihren Sohn so fragmentarisch zu sehen? Wohl weil sie es selber nicht anders weiss.

Oder wie ist die Aussage von Comedian Chris Rock zu interpretieren, wonach er in Rahmen von «make a wish» einem 15jährigen an Krebs erkrankten Jungen einen Pornofilm zuschmuggelte und sich im Nachhinein damit brüstet, ihm vor seinem Tod noch etwas mehr Leben ermöglicht zu haben. (Und das wird dann kommentarlos so veröffentlicht) Weiss Rock denn nicht, dass 15jährige idealerweise nicht die Sexualität leben, die in Pornos gezeigt wird? Weiss er nicht, dass Teenies ihren eigenen Körper erkunden, erste Annäherungen ans andere oder auch eigene Geschlecht wagen, und voller Auf- und Erregung erste Berührungen ausprobieren, usw?

Was für eine Sexualität lebt ein erwachsener Mensch, der keine er-lebte Grundlage hat?

Was für eine Sexualität lebt ein erwachsener Mensch, der nie stundenlang geknutscht, gekuschelt, Händchen gehalten, gestreichelt, entdeckt usw. hat, sondern gleich «entleert», bzw mittels Pornos sexualisiert wurde?

Da ist ein Mensch mit verzögerter oder stagnierender psychosexueller Entwicklung, da ist ein Jugendlicher mit einem Körper den er noch kaum kennt, mit Empfindungen die er nicht spürt oder nicht benennen kann, mit Gefühlen, die er nicht einordnen, mit Bildern, die er nicht auf sich selber übertragen kann, oder wenn, dann nur kognitiv, oder um zu sein wie alle. Aber wie er mit einer Frau in Kontakt kommt, was er mit ihr unternehmen, oder reden könnte usw; keine Ahnung. Aber entleeren oder Porno gucken.

Da wird etwas gründlich missverstanden. Um schöne und wirklich befriedigende Sexualität leben zu können, braucht es eine Grundlage, müssen die psychosexuellen Entwicklungsschritte gegangen oder allenfalls therapeutisch nachgeholt, bzw. erfahrbar gemacht werden. Das betrifft übrigens nicht nur Menschen mit Beeinträchtigungen, sondern uns alle. Entladen allein reicht auf Dauer nicht. Das wird weder dem Menschen als Ganzes noch der Sexualität gerecht. Selbstverständlich ist es eine mögliche Form, aber eben längst nicht alles und die Frage ist, ob uns als komplexes Wesen Mensch (Körper, Gefühle, Geist, Spiritualität) diese Fragment-Sexualität auf die Dauer gut tut. Und ich frage mich des weiteren, was für Menschenbilder in der Stadtregierung vorherrschen, wie die Stadtväter und –Mütter wohl die Sexualität sehen, dass sie auf die Idee kommen, mit Steuergeldern finanzierte menschenverachtende Sexualität zu ermöglichen.

Das Kopftuch impliziert ein fatales Menschenbild

Nun, was hat das alles mit Kopftüchern zu tun? Auch Kopftücher implizieren, dass Männer willenlose und schwache und schwanzgesteuerte Wesen sind, die, wenn sie ein Frauenhaar sehen, für nichts mehr garantieren können. (Insofern wäre ja das Schwimmbadverbot von Bremgarten nur eine logische Folge, denn dort ist das Tenue ja noch viel lockerer) Mit Religion hat das nichts zu tun. (Warum sonst tragen die jungen Mädchen zum Kopftuch oft hautenge, tiefsitzende Jeans und dazu hohe Stiefel und enge Tops? Das sind hierzulande eigentlich eher Nuttenkleider, oder waren es zumindest  bis vor noch nicht allzu langer Zeit, und wirken im Zusammenhang mit Kopftuch grotesk. Und warum muss ich in gewissen Ländern aus religiösen Gründen ein Kopftuch tragen, obwohl mir meine Religion nichts dergleichen vorschreibt?) Da wird unsere Gesellschaft auf eine inakzeptable Art und Weise sexualisiert. Vor allem auch wenn es um Kinder geht.  9jährige, die Kopftuch tragen, um die 9jährigen Buben nicht zu verführen?  Und wenn man sie fragt, tun sie es selbstverständlich freiwillig. Ist es wirklich das Bestreben eines jeden Mädchens in seiner Bewegungsfreude eingeschränkt zu sein, sich zu verhüllen und somit als Sexobjekt gekennzeichnet zu sein? Ist es das Bestreben eines jeden Knaben,  schon in frühester Kindheit als potenzieller Schweinehund dargestellt zu werden, vor dem sich die Frauen verstecken müssen? Ja Herrgott noch mal, Kinder sind existenziell auf ihre Eltern angewiesen, da liegt es nahe, dass sie lernen sich so zu verhalten, wie es von ihnen erwartet wird. Das ist hierzulande nicht anders.

Falsch verstandene Toleranz heisst Gleichgültigkeit

Aber auch diesbezüglich schwafeln die Medien hauptsächlich von Religionsfreiheit daher, von Integration und Toleranz, und porträtieren diese Kinder noch, vor lauter Angst als politisch unkorrekt oder rassistisch zu gelten. Nein ich bin nicht tolerant wenn es darum geht, solche fatalen Menschenbilder zu zementieren, und vor lauter falsch verstandener Toleranz schier gleichgültig zu werden. Gleichgültig gegenüber unseren Werten und Menschenbildern. Männer sind genauso fähig, sexuelle Verantwortung zu tragen, wie es Frauen auch sein können. Ich bin auch nicht liberal, wenn es darum geht Pornographie und Prostitution und andere menschenverachtende Sexualitäts-Bilder und –Verhalten als urbanen Life Style hinzunehmen. Ich wünsche mir vielmehr Menschen- und Sexualitätsbejahende Gegenbilder.

2 Gedanken zu “Von Verrichtungsboxen und Kopftüchern

  1. Ein hervorragender Beitrag von Ihnen. Solche differenzierte und menschliche Texte sollten in allen Zeitungen zu lesen sein. Dies wünschte ich mir! Ihnen herzlichen Dank.

  2. also ich setze mich erst seit einigen Monaten mit dem Thema Sexualität und deren Folgen auseinander und habe begonnen alle Texte von Ihnen happen weise zu lesen. Ich habe noch nie einen Menschen kennen gelernt, der mit solcher Achtung und Respekt über dieses heikle Thema schreibt und spricht. Also wirklich: Hut ab, ich verbeuge mich! Doch wo sind die Kommentare? Mich nimmt es schon wunder wo die Menschen sind, die sich Marlise anschliessen würden. Wo sind sie? Es kann doch nicht sein, dass sich nur Peter gemeldet hat!?

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