Was zählt?

Was zählt am Ende wirklich? Am Ende eines Jahres? Am Ende eines Lebens? Gedanken rund um Erfolg, Abschied und Neubeginn.

 

Ende Jahr ist die Zeit der Jahresrückblicke. Der persönlichen, sowohl als auch der öffentlichen. Die persönlichen können geprägt sein von kleinen und grösseren Begebenheiten, die für das Individuum im Laufe eines Jahres von Bedeutung waren. Von Freud und Leid, von dem was ein Mensch aus einer ganz bestimmten Situation gemacht hat. Von Abschieden, Trennungen, Neubeginnen, Begegnungen, Schicksalsschlägen, Übertritten in neue Lebensphasen usw.

Die öffentlichen Rückblicke sind oft Anhäufungen von geschmacklosem, gewichtigem, unwichtigem oder witzigem wie «Die Trennungen, Die Politiker, Die Gewinner, Die Fettnäpfchen des Jahres» oder so. Wer sich – oft auf Kosten anderer, was jedoch nicht explizit benannt wird – im ausklingendem Jahr bereichert hat, der gilt als Gewinner,  wer nicht viel Messbares wie Einkommen oder sonstwie glorios Glänzendes vorzuweisen hat, als Verlierer.

«Erfolg» ist wohl der meist geäusserte Wunsch auf Neujahrskarten: Auf ein erfolgreiches neues Jahr!

Was ist Erfolg?

Was bedeutet Ihnen Erfolg?

Ist Erfolg das, was an der Öffentlichkeit sichtbar wird? Warum wird das Plakative, das Provokative, das Abartige, das Protzige an die Öffentlichkeit gebracht und nur selten das Stille, Leise, Segensreiche das auch Tag täglich geleistet wird? Warum wird das eine als erfolgreich wahrgenommen und das andere nicht?

Wer suggeriert was Erfolg ist, und warum wird das geglaubt?

Wie war denn Ihr Jahr? Diesbezüglich? Oder ganz allgemein?

Klar, ich hatte auch ein Jahr. Bilanz darüber werde ich natürlich nicht an dieser Stelle ziehen, sondern für mich im stillen Kämmerlein, oder immer wieder im Austausch mit mir nahe Stehenden.

Erfolgreiche Ernte

Und wie sieht wohl die Bilanz eines und einer Jeden am Ende des Lebens aus?

Im Buch «The Top Five Regrets of the Dying»*, erzählt die Australierin Bronnie Ware, von ihren Begegnungen mit Sterbenden. Dabei werden natürlich keine Jahres- sondern Lebensbilanzen gezogen. Viele machen sich offenbar am Ende ihres Lebensweges bittere Vorwürfe. Sie bedauern folgendes am häufigsten:

Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein Leben zu leben und nicht das Leben, das andere für mich vorgesehen haben.

• Am zweiter Stelle folgt das Bedauern über die übermässige Konzentration auf die Arbeit, zu Lasten von erfüllter Zeit mit Familie und Freunden und Freundinnen.

• Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt meine Gefühle zu zeigen.

• Ich wünschte, ich wäre mit meinen Freunden und Freundinnen in Verbindung geblieben.

• Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt glücklicher zu sein.

Das könnten alles Bedauern von so genannt erfolgreichen Menschen sein. Keine Zeit für Soziales gehabt, die Gefühle unter Verschluss gehalten, sich nicht erlaubt zu haben von Herzen glücklich zu sein.

Da wird offenbar ganz Elementares ausser Acht gelassen. Menschen sind auch soziale Wesen, klar, die einen mehr, die anderen weniger. Aber erst durch das Zusammensein mit unterschiedlichen Gegenübern, entsteht Beziehungsfähigkeit, oder auch Sozialkompetenz. Nur im Zusammensein können Nähe und Gedanken ausgetauscht werden.

Und vielleicht gibt es auch so etwas wie Lebenspläne, oder Berufungen die offenbar ganz viele Menschen wohl wahr-, aber nicht ernst nehmen. Anders kann ich mir das erste Bedauern nicht erklären. Das Bedauern darüber, nicht das eigene, sondern das Leben gelebt zu haben, das andere für einen vorgesehen haben.

Menschen sind auch fühlende Wesen. Erst dadurch, dass auch der Gefühls-Ebene Rechnung getragen wird, nebst der Körper-, der Kognitiven- und der Spirituellen Ebene, lebt der Mensch sein ganzes Wesen. Wird eine Ebene ausgeschaltet dann fehlt schlichtweg eine Dimension des Mensch-Seins. (Das Selbe gilt auch, wenn eine Dimension überbewertet wird: «Ich entscheide alles aus dem Bauch heraus», dann fehlen die anderen Dimensionen)

Was macht glücklich?

Und das Glücklichsein? Was macht Sie persönlich glücklich?
Wenn Sie mögen, erforschen Sie so einen persönlichen Glücksmoment: Wie fühlt sich das an? Wo im Körper spüren sie das? Welche Gedanken gehen Ihnen dabei durch den Kopf? Und dann: Was geschieht, wenn Sie diese drei Ebenen so bewusst wahrnehmen? Sehr oft eröffnet sich dann die vierte Ebene. Die bewusst erlebte Spiritualität, die mit dem ganzen Menschen verbundene Spiritualität – nicht zu verwechseln mit der leider weit verbreiteten blablabla-Spiritualität.

Wie äussert sich die bei Ihnen?

Und nicht vergessen: Glücklich-Sein ist kein Non-Stop-Zustand. Es gehört zum Mensch-Sein, dass wir die ganze Palette der Gefühle empfinden können. Also auch Traurigkeit, Wut,  Scham, Ekel usw. Aber wir können uns immer wider dafür entscheiden, auch glücklich zu sein. Auszusteigen aus Destruktivem, auszusteigen aus dem Suhlen, aussteigen aus den alten Geschichten. Einfach aussteigen, immer wieder aussteigen und im Jetzt ankommen. In einem Moment der wunderbar sein kann, oder auch weniger wunderbar. Und beides gehört zum Leben. Und beides kreieren wir auch mit. Als erwachsene Menschen sind wir dafür mitverantwortlich wie es uns geht. Wir sind nie nur Opfer eines Umstandes, eines Menschen, eines Verhaltens. Nein, wir haben eine Wahl, was wir damit machen, wie wir darauf reagieren, wo wir uns allenfalls Unterstützung holen wollen.

Bilanz ziehen, nicht erst am Ende des Lebens, sondern jetzt am Ende des Jahres, am Ende des Tages, am Ende eines Momentes. Persönliche Bilanz und den Mut, das zu verändern, was verändert werden will. Das wünsche ich mir, das wünsche ich Ihnen für das kommende, neue Jahr!

Und natürlich begleite ich Sie als Therapeutin auch im neuen Jahr sehr gerne bei Ihrem ganz persönlichen mit sich selber in Beziehung und unterwegs sein als Frau, als Mann – als Mensch.

* Ab März 2013 auch auf  Deutsch erhältlich: Bronnie Ware, «5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen

Ein Gedanke zu “Was zählt?

  1. Die fünf „Top Regrets“ sensibilisieren einem wunderbar, das Buch wurde in verschiedenen Zeitungen vorgestellt.

    Bei vielem ahnt man doch schon während man lebt, dass man es zu einseitig auffasst.

    Und das Schönste daran: eigentlich braucht es keinen „Massnahmenkatalog“, um die „five Top Regrets“ zu Vermeiden. Statt dessen eben gerade weniger „Massnahmen“. Mehr Sinnlichkeit, mehr Augenblick, mehr Menschlichkeit. Vor allem auch sich selber gegenüber. Den Kopf mehr leeren und für die Gegenwart öffnen.

    So wird das Buch eine Einladung, das Leben auszukosten

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