Wertschätzung und Privatsphäre

Zunehmende Medialisierung und die stetige Aus- und Aufrüstung mit Vernetzungs-Technik unterstützt  den Verlust von Anteilnahme und lädt geradezu ein, in unanständiger Art und Weise Privatsphäre und Integrität von Mitmenschen zu verletzen.

«Agieren wie James Bond; mit diesem Kugelschreiber kein Problem», lese ich im Katalog. «Einfach einstecken und jederzeit auch geheime Gespräche aufzeichnen, wer möchte das nicht?»

Ich zum Beispiel. Ich möchte das nicht. Ich habe weder das Bestreben, meine Mitmenschen zu bespitzeln, noch möchte ich selber bespitzelt werden. Weiter lese ich: «Mit dieser Brille, wird alles was Sie anschauen automatische aufgezeichnet, ohne dass Ihre Umgebung etwas davon merkt.» Auf meine Nachfrage hin, wie sich solche Angebote, die zur Verletzung der persönlichen Integrität von Mitmenschen aufrufen, mit ihrer Firmenethik vereinbaren lassen, bekomme ich natürlich eine dieser nichtssagenden Antworten: «Wir sind uns dessen nicht bewusst. Es steht ja allen frei, ein solches Produkt zu kaufen.»

Öffentlicher Raum ist geteilter Raum. Darin sollte sich doch idealerweise jede Frau, jeder Mann sicher bewegen können. Sicher heisst nicht nur, sicher vor tätlichen und verbalen Verletzungen, sondern auch mit dem Recht auf Privatsphäre, und mit dem Recht weder mit Ungewolltem konfrontiert, noch ungefragt miteinbezogen werden, etc.

Verbreitet in Windeseile

Die Medien belagern Prominenz in fast jeder Lebenslage, und jedes Lüftchen, das den erlauchten Körpern entfährt, oder jedes Stückchen Haut, das dich dem Sonnen- oder Bühnenlicht darbietet, wird festgehalten und in Windeseile verbreitet. Auch Leser und Nutzerinnen werden zum Mittun aufgefordert. Denn das interessiert uns ja alles brennend, ja wir haben sogar ein Recht darauf, das alles zu erfahren – wird uns gesagt – denn es handle sich schliesslich um Personen des öffentlichen Lebens. Und die haben bekanntermassen kein Recht auf Privatsphäre. Ob der «Bundesrat in Badehose!», ob «Bundeskanzlerins Pospalte!», «Kates Busen!», «Ungeschminkt!», «Hängebusen!», «Abgestürzt!» usw., untermalt vom herangezoomten, aus dem Hinterhalt geschossenen Beweisbild, spielt dabei keine Rolle.

Aber wie ist es mit uns Privatmenschen? Auch wir verlieren die Anonymität, bzw. die Sicherheit,  uns im öffentlichen Raum bewegen zu können, ohne dass jedes Fürzchen aufgezeichnet wird, denn im Internet gib es für  jedes nur erdenkliche Thema seine Seiten. Von «Unbeobachtet am Strand», «Beine», «Ausschnitte» usw. Eine junge Klientin erzählte mir, dass sie letzthin in der S-Bahn von einem Unbekannten mit dem Handy fotografiert wurde. «Ich fühlte mich blossgestellt und wie benutzt. Ich habe ja keine Ahnung, was der mit dem Bild tun wird. Ob er sich einen runterholt, oder es  irgendwo ins Netz stellt. Ich fühle mich in meinem persönlichen Raum verletzt.» Mit zwei Kolleginnen hat sie dann mit Nachdruck die Herausgabe des Handys gefordert und die entsprechenden Bilder gelöscht.

Eine Klientin erzählte mir, wie sich ihr im Zug ein Mann gegenüber setzte und ungeniert einen Porno anschaute. Der Film spiegelte sich in der Fensterscheibe. Was sich ein Mann wohl dabei denkt, das so in der Öffentlichkeit zu tun, vis a vis einer unbekannten Frau, im Wissen darum, dass sie das mitbekommt? «Ich habe mich total beschmutzt und missbraucht gefühlt. Ich bin da in etwas reingezogen worden, was ich nicht will», erzählte sie.

Anstand verloren

Eine andere junge Frau, die nach Mitternacht auf den Zug wartet: «Gömmer go figge?», wird sie von einem unbekannten älteren Mann angesprochen. «Ich war schockiert und sprachlos und fühlte mich beschmutzt», erzählt sie.  Oder der Klaps auf den Po, ein Relikt aus der Vergangenheit könnte man meinen,  ist offenbar nicht Vergangenheit, und wird auch heute noch mit «ist ja nur ein Klaps», «tu nicht so prüde», etc. kommentiert. Und wie sich eine Frau bei der Bemerkung «geile Titten» – geäussert von einem Unbekannten – wohl fühlt?

Es scheint, als ginge eine gewisse Art von Anstand verloren, von Wertschätzung und Wahrnehmung der Mitmenschen. Der persönliche Raum wird zunehmend verletzt.  Alles ist möglich, also tun wir es. Ist ja nur ein Bild, ist ja nur ein Klaps, ist ja nur ein Filmchen, war ja nur eine Frage. Wie sich ein Gegenüber dabei fühlt spielt keine Rolle, ja das wird wohl gar nicht überlegt.

Natürlich ist es die Aufgabe einer jeden Einzelnen, eines jeden Einzelnen, den eigenen Raum zu halten und zu definieren. Nur rechtfertigt das meiner Ansicht nach, weder übergreifendes, respektloses Verhalten, noch irgendwelche «geheimen Aufzeichnungen»  und schon gar nicht, Abgebildetes ungefragt zu veröffentlichen.

Ich wünschte mir sehr, dass wir vor lauter Technik und technischer Sozialvernetzung auch den Mit-Menschen und uns selber wieder mehr wahrnehmen würden. Dass Verhalten  wie Einfühlen, Mitschwingen oder Anstand, höher gewertet würde, dass Privatsphäre im öffentlichen Raum einigermassen respektiert würde etc. – kurz, dass wir uns wieder vermehrt bewusst werden, dass wir alle – auch unsere Mitmenschen -fühlende Wesen sind, und dass unser Verhalten etwas auslösen kann, dass es also nicht egal ist, wie wertschätzend wir uns auch im öffentlichen Raum bewegen.

Ein Gedanke zu “Wertschätzung und Privatsphäre

  1. Digitale Verrohung:
    Wie schön war es noch als die Menschen zu Hause:
    • am Telefon stritten und sich alle Schande sagten
    • Filme und Videos anschauten und ihre Gefühlsausbrüche von Wut und Freude freien Lauf liessen
    • Eile mit Weile oder Monopoly usw. spielten usw. und ihren Frust beim Verlieren kundtaten
    • Fotos zu Hause oder beim Fotografen aufgenommen wurden

    Heute wird man im Tram mit angeschrien weil die Person neben einem einen Streit am Smartphone führt.
    Man bekommt einen Schlag und das „Gefluche“ ab, weil der Sitznachbar sein Game verloren hat, (wieder ein Huhn auf dem iPhone nicht getroffen).
    In der Kantine wird man heimlich fotografiert und hört dann die Kollegen grölen, weil sie meinen Kopf mit einem Tanz-App auf einen nackten Tänzerinnenkörper gesetzt haben und mich nun nackt tanzen lassen. Das Foto weiter mit einem Veralterungs-App bearbeiten und mich wie 150 Jahre aussehe lassen.
    Während dem Betriebsausflug mindestens 5 Mitarbeiter heimlich mit ihren Handys Film- und Tonaufnahmen machten, von allen Zoobesuchern, die sich zur gleichen Zeit im Zoo aufhielten.
    Findet man dies alles nicht wahnsinnig lustig wird man als humorlos und von gestern bezeichnet.

    Ich finde jeder darf Smartphone und Co. benutzen, aber bitte nur für sich, die anderen Menschen müssen in Ruhe gelassen werden. Auch daran denken, dass sich nicht alle Personen in Bus, Tram oder Zug dafür interessiert was am Handy gesprochen wird und ob er beim Spielen 200 oder 10 000 Tauben todgeschossen hat. Bitte Lautpegel senken, es ist so uninteressant was alles mit den Digitalen Geräten in voller Lautstärke herausposaunt wird! Personen ohne Zustimmung zu fotografieren gehört sich absolut nicht.

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