Wie oben so unten

«Am liebsten hätte ich nur schöne Leute um mich», wird ein Schönheitschirurg im Tagesanzeiger zitiert, und ich frage mich, warum sich die Journalistin wohl schämt, unterwegs zum Interview nach dem Weg zur Praxis zu fragen, aber nicht, solche menschenverachtenden Aussagen eines Arztes auch zu veröffentlichen.

 

Ich frage mich, warum ich in fast jeder Publikation alle paar Wochen etwas über Schönheitschirurgie, äh pardon Ästhetische Chirurgie, lesen muss. Keine Ahnung, ob diese Chirurgie ästhetisch ist. Fliesst wohl kein Blut und wird nicht meist unversehrtes Gewebe unnötigerweise von Skalpellen verstümmelt. Ich jedenfalls sehe keinen Grund, darüber derart gehäuft zu berichten – ausser einem finanziellen: Inserate. Auch in Beilagen ist die Thematik äusserst beliebt, denn diese werden ja nur beigelegt, um gezielt Werbung akquirieren zu können. Und so werden mit journalistischer Naivität – «ich habe nicht mal etwas dagegen, dass das publiziert wird, aber dass es Leute gibt, die so dumm sind und das glauben» (Zitat einer Chefredaktorin zum Thema Diäten) – entsprechende Ärzte befragt, so dass alles einen gewichtigen Anstrich bekommt.

Ich würde es sehr begrüssen, statt dessen in mindestens der selben Häufung Aussagen zu lesen, wie: He ihr 14 Jährigen Mädchen, es gibt keine zu grossen Schamlippen, es gibt jedoch ganz unterschiedlich geformte. Ihr seid in Ordnung, so wie ihr seid. Lernt in aller Ruhe eure Körper und eure Empfingen kennen. Ihr müsst nicht einem Bild entsprechen, sondern dürft individuell schön sein, usw. Wenn sie hingegen von Ärzten die Aussage lesen, dass Lippen zu gross sind, und es also normal ist, sich dafür zu schämen, wie sollen junge Menschen ein gesundes Verhältnis zu ihren Körpern entwickeln?

Und wenn ich lesen muss, dass ein Arzt sich wünscht, dass seine Frau per Kaiserschnitt entbindet, damit untenrum alles bleibt wie vorher, dann ist das für mich einfach nur zynisch. Schwangerschaft und Geburt sind grosse Leistungen des weiblichen Körpers, die mit grossen Hormonumwälzungen einhergehen. Warum sollte es gleich sein müssen wie vorher? Ich würde mich freuen vermehrt zu lesen, dass es normal ist, dass sich nach einer Geburt das Vaginalgewebe verändert, aber wenn ein Paar seine Sexualität den neuen Gegebenheiten anpasst, ist das kein Grund, der das Lustempfinden verringert. Das hat in der Regel ganz andere Ursachen. Und das Gewebe wird sich nach einer Zeit tatsächlich auch wieder regenerieren. Es gibt folglich auch keinen Grund, dieses «letzte zu beackernde Feld», wie der Arzt die Intimchirurgie nennt,  ohne zu hinterfragen derart medial zu pushen. Apropos intim: Wie intim ist es, wenn in den Medien darüber berichtet wird, wie Frau an ihrer intimsten Körperstelle auszusehen hat, wenn darüber berichtet wird, was untenrum als schön und praktisch zu handhaben, und was als unästhetisch und störend zu gelten hat? Da wird etwas Intimes an die Öffentlichkeit gezerrt und beschmutzt, indem die Würde, die körperliche Integrität der Frau verletzt wird.

Aber das wird natürlich nicht so dargestellt, sondern als Dienstleistung, die sich Frauen genauso leisten wie ein Handy oder Auto. Ja klar, ist ja fast das Selbe. Und so kommt es, dass laut dem Arzt auch eine Chefsekretärin in einer Zürcher Bank ohne Botox wahrscheinlich undenkbar geworden sei, weil das Aussehen immer wichtiger werde. Wer sagt das? Warum ist es so? Warum ist die Fassade wichtiger als der Inhalt? Und wer sagt, dass eine gebotoxte Frau schöner ist als eine natürliche? Oh je.

Da kommt mir gerade der Satz, «wie oben so unten» in den Sinn. Dieses uralte kosmische Gesetz
des mystischen Begründers Ägyptens
verdeutlicht die Dualität der Schöpfung,
die sich beim Menschen in
seiner individuellen Persönlichkeit zeigt:
Oben und unten. Da ist die Einheit: Wie oben so unten.
Es gibt keinen Unterschied.
Alles ist gleich.
Alles ist schon da.
Es gibt nichts zu erreichen. Oberfläche und Kern, Fassade und Innenwelt. Alles ist schon da. Wäre schon da. Perfekt. Ein Wunder.

Aber da ist die Aussage des Arztes auf die Frage der Ethik: «Wenn ich potenziell nicht mehr schade als nütze, operiere ich», und die zeigt wie unnötig und unästhetisch diese «Dienstleistung» ist, und wie wir dieses Wunder, diese Einheit zunehmend missachten.

Ein Gedanke zu “Wie oben so unten

  1. Danke für diesen Artikel und die darin vermittelten Werte.

    Ich wünsche den Frauen in dieser Welt von Herzen, dass der krankhaft übersteigerte „Wettbewerb“ des Schönseinmüssens und Genügenmüssens nachlässt und dass genügend Medien andere Werte vermitteln, die zur inneren Stabilität beitragen.

    Warum ist es so schwer zu akzeptieren, dass ein Körper sich verändert? Warum ist es so schwer zu fragen, wie jedes Alter für sich wieder von Neuem schön aussieht?

    Models selber beschweren sich mitunter, dass ihre kleinen Unebenheiten in Bildserien wegretouchiert werden (und bekannterweise wird noch viel mehr retouschiert):
    Zitat: „You look better, but it’s a lie.“

    Wir können leben, ohne uns und andere in dieser Weise zu belügen. Man kann sich mit dem eigenen Aussehen befassen, in dem man seinen Stil entdeckt und sich ehrlich fragt, was stimmt. Auf diese Weise wird es authentisch, das überzeugt viel mehr als eine Maske.

    Ich wünsche den Frauen, dass sie mit besseren Werten bedient werden.

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