Wo bleibt die Verantwortung?

Die 42-jährige Renata Juras legt die Rechtfertigung ihres Missbrauchs am 13–jährigen Ervin in Buchform vor. Missbrauch unter dem Deckmantel Liebe, würde ich dieses Gesülze nennen. Ein Verlag bringt dieses Buch heraus, Zeitungen stellen es vor, ohne das Verbrechen beim Namen zu nennen, die Mutter akzeptiert den Missbrauch. Geschichte einer modernen Tragödie.

 

Eins gleich vorweg: Ich kann mir gut vorstellen, dass es um Gefühle geht, dass sich eine erwachsene Frau von einem jungen Mann, bzw. Kind – ein 13-Jähriger ist ein Kind – angezogen fühlen kann, dass ihr sein junger Körper auffällt, seine Lebendigkeit usw. Das alles darf sie zur Kenntnis nehmen und sich über seine Schönheit und Unbeschriebenheit auch freuen. Aber dann müsste sie in ihrem Gehirn die Taste «Verantwortung» betätigen. Das hat sie nicht getan. Im Gegenteil: «Wir konnten uns nicht wehren», wird sie zitiert, oder: «Wenn es ihn gibt, dann hat der Liebesgott uns ausgewählt und getroffen.» Auch der erste Sex ist «einfach passiert.» Na wenn das so ist,  kann man tatsächlich nichts machen. Ende gut alles gut?

Nein gar nichts ist gut. Dann der Missbrauch geht weiter. 22 Monate auf Bewährung hat Juras gefasst. Was heisst denn hier Bewährung? Mittlerweile sind die beiden verlobt und sie will Kinder mit ihm. Mittlerweile lebt Juras mit ihrer 15-jährigen Tochter bei der Mutter des Opfers, die den Missbrauch somit unterstützt. Und wie ist es wohl für die Tochter, dass der «Geliebte» ihrer Mutter im gleichen Alter ist wie sie selber? Und für die 20-Jährige Tochter? Und wie ist es zu wissen, dass die eigene Mutter ein anderes Kind missbraucht?

Liebe oder Missbrauch?

Natürlich sieht auch der Junge den Missbrauch nicht als Missbrauch. Wie könnte er? Er bezeugt vor Gericht, dass es sich um Liebe handelt. Dass er freiwillig Sex hatte. Klar, viele Jungen träumen von einer Begegnung mit einer reifen Frau, die sie in die körperliche Liebe einführt. Sie können ja nicht wissen, dass Sexualität mit 13 nicht die selbe ist wie mit 40.  Sie sind ja erst dran, ihren eigenen Körper zu erforschen, mit anderen Jungs um die Wette zu wixen, und von weitem Mädchen anzuschwärmen. Sie können ja nicht wissen, dass 13 noch nicht das Alter ist, wo man feste Bindungen mit Zukunftsperspektiven eingeht, denn sie sind erst dran, sich langsam an Mädchen anzunähern, oder aus lauter Verlegenheit nicht zu wissen was sagen und tun, vielleicht tauschen sie erste Zärtlichkeiten aus,  sind aufgeregt wenn sie zum ersten Mal ein nacktes Mädchen spüren, das genau so aufgeregt ist wie sie, usw. Solche Begegnungen prägen seine Identität als späterer sexueller Mann mit. Das sind notwendige Entwicklungsschritte.

Aber die 40-Jährige wüsste es. Wenn sie sich zurückerinnert, weiss sie, dass 13 nicht das Alter ist, um mit Menschen die älter sind als die eigenen Eltern Erwachsenensex zu haben. Sie weiss, dass 13 nicht das Alter ist, feste Beziehungen mit Zukunftsaussichten einzugehen. Sie weiss, dass es mit 13 wichtig ist, mit anderen Mädchen zu kichern, stundenlang am Telefon zu quatschen, den eigenen Körper zu erkunden, von Jungs zu schwärmen, erste Zärtlichkeiten zu tauschen, usw. Und trotzdem drückt sie ein Kind in die Schublade eines Erwachsenen. Und redet dabei von Liebe. Sie schwärmt davon, wie reif dieses Kind für sein Alter ist, wie fürsorglich, wie stark, denn dieses Kind beschützt die erwachsene Frau, wenn sie wegen dem Missbrauch an ihm angegriffen wird. Und dieses Kind hat ihr wie ein altmodischer Galan einen Verlobungsring an den Finger gesteckt. Richtig romantisch.

Ich will dich erwachsen sehen, also bist du erwachsen

Da wird einem Kind eine Riesenverantwortung aufgebürdet. Ich will dich erwachsen sehen, also bist du es. So wie es offenbar schon seine Mutter mit ihm gemacht hat: Er ist ihr Beschützer und Berater.  Wie viele Mütter es mit ihren Söhnen (und Töchtern) tun. Sie holen sich etwas, wofür das Kind absolut nicht zuständig ist. Das nennt man emotionalen Missbrauch. Kein Wunder, kann er nicht erkennen, was seine «Geliebte» ihm antut, denn es ist ihm wohlbekannt, missbraucht zu werden. Ervin wird also nicht nur sexuell, sondern auch emotionell missbraucht, von der Frau, die behauptet, ihn zu lieben.

Auch die Herren Richter wüssten es. Auch sie mögen sich daran erinnern, wie sie für ihre Lehrerin geschwärmt haben,  wie sie vielleicht in sexuellen Fantasien mit eben dieser Lehrerin schwelgten. Das musste so sein, und gehörte mit zur sexuellen Entwicklung. Sie kennen wahrscheinlich auch den Spruch:«Auf alten Pfannen lernt man kochen», und so geistert in vielen Männer- und Knabenköpfen die Vorstellung herum, von einer reifen «Liebesgöttin» in die körperliche Liebe eingeführt zu werden. Und sie sind überzeugt  davon, dass das kein Missbrauch ist, denn es geschieht ohne körperliche Gewalt. Und vor allem wären sie geschmeichelt, die Aufmerksamkeit und Bewunderung einer vermeintlich reifen Frau erregt zu haben. Die Herren Richter mögen sich bestimmt an solche Fantasien erinnern.

Schuldgefühle und Beziehungsunfähigkeit

Und sie haben bestimmt auch den Roman «Der Vorleser», vom Bernhard Schlink gelesen. Dort wird ein solcher Missbrauch thematisiert, und vor allem auch seine Auswirkungen auf den erwachsenen Mann: Eine Form der Beziehungsunfähigkeit. Auch Schlink schildert, dass sich der Junge nicht als Opfer sieht, nicht missbraucht fühlt, nein dieses unterschwellige Wissen wird sich erst Jahre später offenbaren. Er schreibt: «…haben mich die alten Fragen gequält, ob ich sie verleugnet und verraten habe, ob ich ihr etwas schuldig geblieben bin, ob ich schuldig geworden bin, indem ich sie geliebt habe, ob ich mich und wie ich mich von ihr hätte lossagen, loslösen müssen. Manchmal habe ich mich gefragt, ob ich für ihren Tod verantwortlich bin. Und manchmal war ich zornig auf sie und über das was sie mir angetan hat.» Und: «Wenn ich jedoch verletzt werde, kommen wieder die damals erfahrenen Verletzungen hoch, wenn ich mich schuldig fühle, die damaligen Schuldgefühle…»

Auch in meiner Praxis sind mir schon solche Männer begegnet. Bei jüngeren Männern, die den Missbrauch noch nicht als solchen wahrhaben können/wollen, ist jeweils eine bestimmte Art der Arroganz zu beobachten, ein sich selbst massloses überhöhen. Sie sehen sich als viel weiser und reifer als alle anderen,  oft auch als viel reifer als ihre eigenen Eltern. Denn diesen Jungs wurde schon im zarten Alter von 12 oder 14 oder 17 Jahren von einer verantwortungslosen Geliebten (oder der Mutter) weisgemacht, wie viel reifer, männlicher und erwachsener sie schon sind, als alle in ihrer Umgebung. Und so mussten sie bereits in diesem Alter nur noch gelangweilt sein, ob der Händchenhalterei, Küsserei, Wixerei, Tanzerei der Gleichaltrigen, denn sie hatten  ja schon «richtigen» Sex, mit einer «richtigen», sprich erfahrenen Frau, und sie trugen Verantwortung. Verantwortung, die nicht die ihre war.

Gestohlene Erfahrungen

Da ist etwas gründlich durcheinander geraten. Da wurden einfach gute zehn Jahre einer wichtigen psychosexuellen Reifestufe übersprungen. Beziehungsweise, sie wurde ihnen gestohlen. Und meiner Erfahrung nach, hat das Auswirkungen im späteren Leben: Beziehungsunfähigkeit auf einer tieferen Ebene.

Das kann sich jeweils erst verbessern, wenn der Mann bereit ist, sich diese erlittene tiefe Verletzung seiner körperlich/sexuellen, sowie emotionalen Integrität einzugestehen. Wenn er von seinem inneren Konzept «ich bin reifer und stärker als alle anderen, ich brauche niemanden», etc. Abschied nehmen kann.

Auch die Mutter wüsste es. Sie scheint ja zwar selber noch sehr jung gewesen zu sein, als sie ihren Sohn zur Welt brachte. Umso mehr weiss sie wie es ist, plötzlich Erwachsen sein zu müssen, aber eigentlich noch Teenager zu sein. Plötzlich Verantwortung zu haben für einen anderen Menschen.  Aber diese Verantwortung trägt sie nicht. Sie selber missbraucht ihren Sohn emotional, so wie es scheint, und lässt zu, dass er auch noch sexuell ausgebeutet wird, dass  ihm die Jahre seiner späten Kindheit, der Pubertät, der Adoleszenz gestohlen werden. Vielleicht geistert ja auch in Ihrem Kopf herum, dass Knaben von reifen Frauen in den Sex eingeführt werden möchten, das sei ja nicht weiter schlimm, im Gegenteil beweise es doch was sie für einen tollen Sohn habe: Im jungen Alter schon ein rechter Mann. So war er ja schon immer.

Nur der Adoptivvater des Knaben scheint den Ernst der Lage erkannt zu haben, und hat die ganze Geschichte zur Anzeige gebracht.

Wer macht sich mitschuldig?

• Indem nur eine Bewährungsstrafe ausgesprochen wird, wird impliziert, dass es nicht sooo schlimm ist, ein Kind zu missbrauchen, solange keine Gewalt im Spiel ist. Und Knaben träumen ja sowieso fast alle von so einem Abenteuer.

• Indem die beiden faktisch zusammenleben, wird der Missbrauch weiter geschützt. Das ist ein Verbrechen.

• Indem der Verlag Edition a das Rechtfertigungsgesülze dieser verantwortungslosen Frau herausgibt, wie es wirklich war aus ihrer Sicht, gibt er diesem tolerierten Missbrauch auch zusätzliches Gewicht, es könnte ja schliesslich tatsächlich Liebe sein, und vielleicht konnten sie tatsächlich nichts dagegen tun…

• Indem Zeitungen dieses Buch einfach so vorstellen, ohne zu hinterfragen, ohne das Verbrechen beim Namen zu nennen, einfach aus purer Sensationsgeilheit, machen auch sie sich mitschuldig.

Wenn da Liebe wäre, wäre Verzicht. Wenn da Liebe wäre, wäre Freude, aus der Ferne zu sehen, wie dieser tolle Junge zu einem tollen Mann heranreift.  Wenn da Liebe wäre, würde die Frau, eventuelle Avancen das Jungen klar als das benennen was sie sind: «Oh ich sehe, dass du dich für Frauen interessierst. Das ist ganz normal in deinem Alter. Geh rum, und schau dir all die hübschen jungen Mädchen an, du darfst mit ihnen in Kontakt treten und mit ihnen jung und unbeschwert sein. Ich bin eine mütterliche Figur, die dich dabei unterstützt, wenn du das möchtest.»

Aber da ist nichts als Eigennutz, darum ist es Missbrauch.

 

8 Gedanken zu “Wo bleibt die Verantwortung?

  1. Wenn Ervin mit 30 oder 40 Jahren noch in den Spiegel schauen kann, wird es für ihn ein böses und trauriges Erwachen geben. Dann wird er seinen sexuellen und emotionalen Missbrauch begreifen. Feststellen um was er beraubt und betrogen worden ist, unter dem verlogenen Deckmantel Liebe.

    Wer hat nicht für die Lehrer/Sportunterrichtskräfte geschwärmt? Egal ob Mann oder Frau. Neben den Eltern sind die Lehrkräfte, die ersten erwachsenen Personen mit denen man als Kind viel Zeit gemeinsam verbringt, von denen man Anerkennung und Ermutigung wünscht. Als Kind ringt man um Zuwendung, gemischt mit kindlichen sexuellen Fantasien schwärmt man von diesen Bezugspersonen.

    Ein selbstbewusster Erwachsener wird dieses Schwärmen und Ringen nicht ausnutzten. Missbrauch am Kind begehen unter dem Vorwand Liebe. Es ist himmeltraurig was Frau Juras dem Jungen antut.

    In Alter von 15 Jahren sind junge Menschen oft etwas heroisch gestimmt, wollen speziell auffallen, Sonderstellungen einnehmen, berühmt werden als Fussballstars oder Sänger in einer Band usw. Ervin hat leider die traurige Rolle vom „Super Liebhaber“ mit 13 Jahren eingenommen, die ihn emotional und sexuell kaputt machen wird.

    Ich hoffe ganz fest, dass Frau Juras ihr fehlendes Selbstwertgefühl lernt nicht weiterhin mit dem Missbrauch von Ervin aufbaut, sondern sich schleunigst in Psychologische Behandlung begibt und Erwin frei lässt, damit er sein Teenagererfahrungen leben kann.

    Traurig und beschämend finde ich auch, dass ein Buchverlag aus einer lebenszerstörenden Situation Kapital schlägt. Abscheulicher Missbrauch als Liebe verkauft!

  2. Ich habe einfach Glück gehabt! Verliebt in einen Lehrer, er wollte sich für mich scheiden lassen und mich heiraten, klar hab ich ja gesagt.Es kam zu sexuellen Zärtlichkeiten. Gottseidank ist die Sache aufgeflogen, meine Eltern haben mich da rausgeholt und erst mit ca 35 habe ich wirklich reasliert, was für ein Arschloch das war.Damals war es „Liebe“ und freiwillig, klar.Ich halte mich heute für beziehungsfähig.

  3. … dass Jugendliche sich geehrt fühlen, von reiferen Personen umworben zu werben kommt vor. Ich habe dies auch bei meiner damals 14-jährigen Tochter beobachtet, die sich mit einem 36-jährigen Mann treffen wollte, „weil man mit ihm so gut reden konnte, wie es mit den Gleichaltrigen nicht möglich ist“.
    Wie erstaunt und dankbar war ich auf ihre Reaktion, als ich ihr das verboten habe: Sie war erleichtert!

    Wenn also Eltern von ihren jugendlichen Kindern solche Infos erhalten, kann dies auch ein Hilferuf um Unterstützung sein, sich dagegen zu wehren!

    In meiner Praxis erlebe ich immer wieder, wie solche „Unstimmigkeiten“ gefühlsmässig ganz klar wahrnehmbar sind. Dann braucht es den Mut, auch dazu zu stehen und seinem Gegenüber eine Ansage zu machen, die er vielleicht nicht gerne hört. Das heisst Verantwortung übernehmen.

  4. Was ich da lese, ist mir weit bis in die Nacht nachgegangen. Welche Bedürftigkeit stecken in dieser Frau und wieviel Angst davor, sich mit dieser einem Gegenüber zu zeigen, welches entwicklungsmässig auf Augenhöhe ist?
    Arme Frau, armes Kind! Wir Menschen tragen einen wunderbar angelegten Entwicklungsplan in uns, der, ähnlich einer Rose, ein Blatt nach dem andern entfalten möchte.
    Wenn nichts übersprungen wird, oder wenn das, was zum Übersprung gezerrt oder vielleicht auch ganz subtil dazu verführt wurde später geheilt wird, sind wir auf dem Weg zur Ganzheit. Aus dieser Geschichte spricht zu mir unendlich viel überdeckte Einsamkeit der Betroffenen und Hilflosigkeit derjenigen, die das alles rechtfertigen.
    Ach hätte diese Frau andere Wege gefunden um ihre Bedürfnisse nach körperlicher, emotioneller Nähe zu stillen und ihrem Sohn seinen sicheren Entwicklungsraum zu halten?
    So viel Verleugnung, und all die Kraft, diese aufrecht zu erhalten! Der Gedanke an diese Sackgasse ist für mich schlichtweg erstickend!

  5. In meiner persönlichen Erfahrung sind Altersunterschiede immer auch Unterschiede in der Autorität, in der Kenntnis von Taktiken und Strategien und in der Breite des emotionalen Repertoires.

    Ich beobachte das – mitunter gegen meinen Willen – z.B. bei einem neuen Mitarbeiter am Arbeitsplatz, der ca. 17 Jahre jünger ist, aber auch bei meinem 10 Jahre älteren Bruder. Dieser Bruder war selten ein „Kollege“, dafür eine zweite Vaterfigur. Ich beobachtete das auch, als meine Mutter sich in ihrer schwierigsten Zeit früher zu sehr an mich geklammert und sich zu fest auf mich abgestützt hat. Ich habe erlebt, was dies für Druck ausübt und wie man dabei teilweise deformiert werden kann. Ich beobachte das täglich im Bus, wo die Schülerinnen und Schüler ein- und aussteigen und über die Probleme auf ihrer Altersstsufe reden.

    Es geht mir nicht darum, Ervins Kompetenz in Frage zu stellen. Ich vermute einfach aufgrund meiner Erfahrung:
    – dass die Spiesse in dieser Beziehung doch sehr ungleich lang sind
    – dass er in dieser Partnerschaft seinen Teil überhaupt nicht „führen“ kann (gemeint als Spiel zwischen Erwachsenen auf gleicher Augenhöhe mit gegenseitigem Vor- und Nachgeben), auch wenn er es meint
    – dass einige Aspekte in Ervin sich nun schneller entwickeln, andere bleiben dafür eher stehen. Das will irgendwann aufgeräumt sein, und das ist dann leider grösstenteils ein Leidensweg.

    Er wird allerdings nicht auf die Umgebung hören. Für die Erfahrung, dass die erste grosse Liebe in ein paar Jahren nur noch ein (wertvoller) Mosaikstein im Ganzen ist und dass es noch viel mehr zu entdecken gibt, bleibt ihm nicht mehr viel Raum, schade. Man kann ihm seinen Mut zu gute Halten, aber der Preis dafür ist meines Erachtens viel zu hoch.

    Renata weiss sicher klar, was sie tut. Sie hatte ein paare Jahre mehr Zeit, zu lernen und zu beobachten. Sie weiss um die juristischen Belange, aber auch um die emotionalen Nachteile, die sie ihm verschafft. Ihr kann man durchaus Fahrlässigkeit und Eigensucht unterstellen. Wir alle sind des öfteren in der Situation, dass wir uns sagen müssen: „Es mag weh tun, aber ich kann diesen Menschen jetzt nicht in einer Beziehung kriegen“. Das ist normal. Warum macht sie das nicht?

    Viele Medien sind übrigens kritisch eingestellt, das Ganze war ein Skandal.
    http://www.vienna.at/41-jaehrige-liebt-14-jaehrigen-ungewoehnliche-liebe-als-buch/news-20110930-07004694 –> „Unrecht“
    http://www.welt.de/fernsehen/article13655762/Ein-14-Jaehriger-und-die-Sex-Kuenste-einer-41-Jaehrigen.html –> Viele warnende Stimmen, z.B. auch vor Einreise in Deutschland (Mindestalter 16), Jungendpsychologe

    Das Buch habe ich nicht gelesen, kann es also nicht beurteilen, aber es scheint keine kritische Abhandlung zu sein. Das ist schade und peinlich. Es ist nicht neu und meines Erachtens nicht wünschenswert, dass bei Skandalthemen durch Bücher eine Plattform geboten wird, aber wir haben die Meinungs- und Redefreiheit. Und am Schluss entscheiden immer die Konsumenten, was sich zu produzieren lohnt.

    Viele LeserInnenkommentare zum Thema machen darauf aufmerksam, dass unsere Gesellschaft hier sowieso keine klare Linie hat. Ein paar Eindrücke:
    – Polansky wurde nicht zur Rechenschaft gezogen –> Warum nicht?
    – Umgekehrte Situation: 41 Jähriger Trainer (m) –> 14 Jährige Schülerin (w) –> Gefängnis wäre klar absehbar (ist hier nicht emotional gemeint)
    – 40-jähriger Politiker, der sich in eine 16-Jährige verliebt –> tritt vom Amt zurück
    – Aktueller Fall 14/41: Irgendwie offiziell tolerierter Missbrauch

  6. Marlise greift völlig zu recht dieses Buch kritisch auf: Die persönliche Sicht und Rechtfertigung von Renata ist ja nachvollziehbar: Wer nur seinen ‚Trieben‘ folgt, alle Vernunft und auch Gesetzeslage ausschaltet, der braucht und will vor sich eine Rechtfertigung, eine ‚Entschuldigung‘. Und je mehr der Betroffene sich da hineindenkt, desto wahrer wird es für ihn selber. Dieses Phänomen kennt man aus der Kriminalistik überhaupt. Das Problem entsteht dort, wo ein Verlag dieser Sichtweise ungebrochen den Weg frei gibt zur Veröffentlichung. Damit wird dieses Verhalten und die Rechtfertigung dafür praktisch gutgeheissen. Eine Verantwortungslosigkeit des Verlegers, der sich damit mitschuldig macht, eine solche Geschichte zu verharmlosen!

  7. Dem Jungen kann kaum ein Vorwurf gemacht werden. Welcher Jüngling hat nicht schon mal von Sex mit einer erfahrenen Frau geträumt. In diesem Fall geht es aber um viel mehr als ein sexuelles Erlebnis. Die Frau handelt verantwortungslos weil sie eine dauerhafte Beziehung eingeht. Sie ist sich nicht bewusst, oder will nicht sehen, dass sie den jungen Mann um seine Entwicklung und Selbsterfahrung beraubt. Früher oder später wird sich dies bei dem Mann rächen. Er wird ein böses Erwachen haben wenn er älter wird und sich bewusst wird was ihm geschehen ist.
    Ich habe mir in letzter Zeit oft Gedanken über die gesellschaftliche Entwicklung und zur Verantwortung zum Thema Jugendschutz gemacht. Wie mir, sowie anderen Schreibern aufgefallen ist, besteht offenbar keine klare Linie mehr und Täter werden nicht ohne Ansehen der Person beurteilt. Ich bin nicht einmal so stark ein Verfechter von Strafverfahren in diesen für die Betroffenen oft tragischen Geschehnisse. Ich denke, dass durch das Eingreifen einer Fachperson die das Gespräch sucht, oft weniger kaputt gemacht würde, als bei langwierigen Strafuntersuchungen. In Fällen, bei welchen Gewalt angewendet wird, finde ich es jedoch richtig, wenn der/die Täter/in hart angefasst wird.

Schreibe einen Kommentar